Refa
27.12.05, 19:54
Exkurs Wer sind die Türken?
Erklärungsversuche von Gelehrten des 15., 16. und 17. Jahrhunderts
Diese Frage beschäftigte zahlreiche weltliche und geistliche Wissenschaftler seit der Eroberung Konstantinopels 1453 durch die Osmanen. Erklärungsversuche, waren sehr vielfältig und stützten sich auf religiöse, ethymologische und geschichtlich-mythische Ansätze. Ich werde im Folgenden verschiedene Abstammungstheorien vorstellen und dabei größere Originalpassagen zitieren:
1. Religiöse Abstammungstheorien
Vertreter dieser Meinung waren meist Theologen, die glaubten, alles Wichtige müsse in der Bibel vermerkt sein. So suchten und fanden sie auch dort die entsprechenden Hinweise:
a) Türken = Abkömmlinge des 10. Stammes Israel. CAELIUS, Verfasser der "Sarracinicae historiae" schrieb dazu 1580:
"Andere halten dafür das die Türcken jhren Ursprung nehmen von der Zehen Geschlecht Israels, die in die Landschaft Mediam (wie Josephus bezeugt) sind geführt worden (...)" (Caelius zit.n. Göllner III, 76:241) Im weiteren Verlauf führte der Autor aus, daß die Sitten und Gebräuche Türken denen der anderen Stämme Israels ähnelten. Was er als Beweis seiner These ansah.
b) Türken = Nachkommen Ismaels
Als Heinrich KNAUST 1596 seine "Mahometische Genealogie" schrieb, glaubte er in den Türken/innen die Nachkommen des mißratenen Sohnes der verstoßenen Magd Agar und des Abraham zu erkennen. Von diesem Sohn hatte ein Engel verkündet, daß "(...) er ein wilder Mensch würde seyn und streitbar und sich setzen wieder alle seine Brüder: daher mans noch dafür helt, daß der Türcke von diesem Ismael her komme (...)" (Knaust zit.n. Göllner, ebda)
c) Türken = Rote Juden
MELANCHTHON, ein Theologe und Freund Luthers vertrat die Ansicht, die Türken wären "Rote Juden". "Juden" deshalb, da sie sich auch beschneiden ließen, und viele jüdische Bräuche übernommen hätten. Daß sie "Rote" Juden genannt wurden". (...) mag auff das kriegen vnd mörden gedeutet werden/ das die Türcken treyben/ dann es sind eytel bluthunde (...)" (Melanchthon zit.n. Köhler, 38:67)
2. Ethymologische Abstammungstheorien In Abstammungsuntersuchungen dieser Art versuchten die Wissenschaftler aus dem Wort "Türke" Hinweise auf den Ursprung und Charakter dieses Volkes zu erhalten:
a) Türken kommt von "Theorici" Georg VON UNGARN warnte 1480 seine Glaubensbrüder/schwestern vor der "verführerischen Vorbildlichkeit der Türken":
"Turci kommt von theorici, d.h. es sind Leute, die auf subtile geistige Art und nicht mit grober Gewalt die Christen zum Islam bekehren wollen." (Georg von Ungarn zit.n. Klockow, 89:45) Diese Erklärung unterschied sich von der landläufigen Meinung, die Türken mit Grausamkeit und Barbarei zu verbinden. Dies kann aus der frühen Entstehungszeit (1480) erklärt werden. In allen späteren Schriften steht die Wildheit der Türken im Vordergrund.
b) Türken kommt von "Torquere" HEIDENREICH, ein protestantischer Theologe zur Zeit Luthers fand folgende Erklärung:
"Das wortlein Turca gibt viels nachdenkens. Etliche meinen/ es komme her vom wortlein Torture vnd Torquere, vom quellen vnd plagen/ das der Türckischen bestien an den armen Christen die meiste Kunst ist (...) Die andern achtens dafür/ es komme vom wörtlein Trux, das da heisset grawsam/ Wie denn der Türcken gesichter vnd tracht scheußlich vnd grausam genug ist. (...)" (Heidenreich zit.n. Brenner, 68:323)
c) Türken kommt von "Beuwrisch" MÜLLER, der Übersetzer des "Trattato des costumi" von Menavino führte etliche Erklärungen zum Ursprung des Namen "Türken" auf:
"Etliche sagen Turck komme von dem wortlein trux, darumb, daß sie tyrannisch, wutherich und schrecklich seyen (..)" "Doch ist der mehrertheil dieser meinung, dieweil das wortlein turco in jrer Sprach heißt beuwerisch, rauh wildt und grob, daß sie von wegen jrer groben unartigen sitten also heißen." (Müller zit.n. GöllnerIII,76:249) Auch in diesem Fall wird der Name mit einer Eigenschaft "wild, rauh" in Verbindung gebracht. 3. Geschichtlich-mythologische Abstammungstheorien
Versuche dieser Art vermischten oft Geschichte und Mythen, um die Herkunft der Türken/innen zu erhellen.
a) Türken = Nachkommen der Skythen.
GIOVIO, Verfasser des "Commentario de le cose de Turchi" (1531) ein Standartwerk des 16. Jahrhunderts, sah in den Türken die Nachfahren der Skythen: "Die Turcken haben jren ersten ursprung von den Scythen (welche wir Tartarn nennen) die denn jnn wüstungen und wildnissen (...) bei dem wasser Volga wonen. (...)" (Giovio zit.n. GöllnerIII, 76:232) Giovio erklärte seine These damit, daß die Sitten, die äußere Gestalt und die verwendeten Waffen identisch seien. Diese These war in ganz Europa verbreitet. (Vgl. ebda) Die Wissenschaftler stützten sich auf die Aussagen HERODOTS, der in seinen Werken von den "Yürken" berichtet hatte. Die Gelehrten des 16. und 17. Jahrhunderts wandelten diesen Begriff in "Türken" um und waren von der skythischen Abstammung überzeugt. Müller verband den sykythischen Ursprung der Türken mit der griechischen Mythologie: "und andere schreiben, daß die Türcken heißen von einem Sohn des Herkules, welcher vor zeiten in Scythia regieret habe, deß Namen Turcko gewesen, von welchem auch diß Land der Scythier genennet worden Teucria, welches wir nun mit Verwechselung etlicher Buchstaben nennen Turckia. (...)" (Müller zit.n. GöllnerIII, 76:249) Damit war das Problem der unterschiedlichen Namen für augenscheinlich ein Volk (Skythen = Türken) gelöst. Die Skythen galten in Europa als ein ausgesprochen grausames Volk. Sicher trug diese Meinung nicht unwesentlich zur Gleichsetzung beider Völker bei.
b) Türken = Nachkommen Trojas Diese Theorien basierten aus den Versuchen der Gelehrten des Mittelalters und dem Beginn der Neuzeit alle bekannten Herrschaftsdynastien aus trojanischen Wurzeln abzuleiten. Jonannes PISCATORIUS berichtete 1541 in seinem Büchlein "Herkommen, ursprung und auffgang des Türckischen und ottomanischen Kayserthums": "(Sie) halten sich für Nachkömmling des Königs Troili, welcher ein Sohn Priami, des Trojanischen Königs, und des gewaltigen Helden Hectoris und Paridid Bruder, geweßt, und wöllen also für echte Trojaner gehalten seyn und sagen; Daß jnen, als den Erben und Nachkömmlingen der Trojaner, das gantze Römische Reich, sonderlich gegen Nidergang, von rechtswegen zustehe und zugehöre (...)" (Müller zit.n. GöllnerIII, 76:235) (Diese These wird im ersten Kapitel wieder aufgegriffen werden.)
Aus all diesen Erklärungen und Abstammungstheorien wird deutlich, daß der Name "Türke" mit zwei Dingen in Verbindung gebracht wurde:
1. mit militärischer Macht und
2. mit Grausamkeit.
Wie diese Vorstellungen entstanden, wer, warum, auf welche Weise dazu beitrug, wird in den nun anschließenden Kapiteln behandelt werden.
Quelle: (http://docserver.bis.uni-oldenburg.de/publikationen/bisverlag/spoall93/inhalt.html)
Erklärungsversuche von Gelehrten des 15., 16. und 17. Jahrhunderts
Diese Frage beschäftigte zahlreiche weltliche und geistliche Wissenschaftler seit der Eroberung Konstantinopels 1453 durch die Osmanen. Erklärungsversuche, waren sehr vielfältig und stützten sich auf religiöse, ethymologische und geschichtlich-mythische Ansätze. Ich werde im Folgenden verschiedene Abstammungstheorien vorstellen und dabei größere Originalpassagen zitieren:
1. Religiöse Abstammungstheorien
Vertreter dieser Meinung waren meist Theologen, die glaubten, alles Wichtige müsse in der Bibel vermerkt sein. So suchten und fanden sie auch dort die entsprechenden Hinweise:
a) Türken = Abkömmlinge des 10. Stammes Israel. CAELIUS, Verfasser der "Sarracinicae historiae" schrieb dazu 1580:
"Andere halten dafür das die Türcken jhren Ursprung nehmen von der Zehen Geschlecht Israels, die in die Landschaft Mediam (wie Josephus bezeugt) sind geführt worden (...)" (Caelius zit.n. Göllner III, 76:241) Im weiteren Verlauf führte der Autor aus, daß die Sitten und Gebräuche Türken denen der anderen Stämme Israels ähnelten. Was er als Beweis seiner These ansah.
b) Türken = Nachkommen Ismaels
Als Heinrich KNAUST 1596 seine "Mahometische Genealogie" schrieb, glaubte er in den Türken/innen die Nachkommen des mißratenen Sohnes der verstoßenen Magd Agar und des Abraham zu erkennen. Von diesem Sohn hatte ein Engel verkündet, daß "(...) er ein wilder Mensch würde seyn und streitbar und sich setzen wieder alle seine Brüder: daher mans noch dafür helt, daß der Türcke von diesem Ismael her komme (...)" (Knaust zit.n. Göllner, ebda)
c) Türken = Rote Juden
MELANCHTHON, ein Theologe und Freund Luthers vertrat die Ansicht, die Türken wären "Rote Juden". "Juden" deshalb, da sie sich auch beschneiden ließen, und viele jüdische Bräuche übernommen hätten. Daß sie "Rote" Juden genannt wurden". (...) mag auff das kriegen vnd mörden gedeutet werden/ das die Türcken treyben/ dann es sind eytel bluthunde (...)" (Melanchthon zit.n. Köhler, 38:67)
2. Ethymologische Abstammungstheorien In Abstammungsuntersuchungen dieser Art versuchten die Wissenschaftler aus dem Wort "Türke" Hinweise auf den Ursprung und Charakter dieses Volkes zu erhalten:
a) Türken kommt von "Theorici" Georg VON UNGARN warnte 1480 seine Glaubensbrüder/schwestern vor der "verführerischen Vorbildlichkeit der Türken":
"Turci kommt von theorici, d.h. es sind Leute, die auf subtile geistige Art und nicht mit grober Gewalt die Christen zum Islam bekehren wollen." (Georg von Ungarn zit.n. Klockow, 89:45) Diese Erklärung unterschied sich von der landläufigen Meinung, die Türken mit Grausamkeit und Barbarei zu verbinden. Dies kann aus der frühen Entstehungszeit (1480) erklärt werden. In allen späteren Schriften steht die Wildheit der Türken im Vordergrund.
b) Türken kommt von "Torquere" HEIDENREICH, ein protestantischer Theologe zur Zeit Luthers fand folgende Erklärung:
"Das wortlein Turca gibt viels nachdenkens. Etliche meinen/ es komme her vom wortlein Torture vnd Torquere, vom quellen vnd plagen/ das der Türckischen bestien an den armen Christen die meiste Kunst ist (...) Die andern achtens dafür/ es komme vom wörtlein Trux, das da heisset grawsam/ Wie denn der Türcken gesichter vnd tracht scheußlich vnd grausam genug ist. (...)" (Heidenreich zit.n. Brenner, 68:323)
c) Türken kommt von "Beuwrisch" MÜLLER, der Übersetzer des "Trattato des costumi" von Menavino führte etliche Erklärungen zum Ursprung des Namen "Türken" auf:
"Etliche sagen Turck komme von dem wortlein trux, darumb, daß sie tyrannisch, wutherich und schrecklich seyen (..)" "Doch ist der mehrertheil dieser meinung, dieweil das wortlein turco in jrer Sprach heißt beuwerisch, rauh wildt und grob, daß sie von wegen jrer groben unartigen sitten also heißen." (Müller zit.n. GöllnerIII,76:249) Auch in diesem Fall wird der Name mit einer Eigenschaft "wild, rauh" in Verbindung gebracht. 3. Geschichtlich-mythologische Abstammungstheorien
Versuche dieser Art vermischten oft Geschichte und Mythen, um die Herkunft der Türken/innen zu erhellen.
a) Türken = Nachkommen der Skythen.
GIOVIO, Verfasser des "Commentario de le cose de Turchi" (1531) ein Standartwerk des 16. Jahrhunderts, sah in den Türken die Nachfahren der Skythen: "Die Turcken haben jren ersten ursprung von den Scythen (welche wir Tartarn nennen) die denn jnn wüstungen und wildnissen (...) bei dem wasser Volga wonen. (...)" (Giovio zit.n. GöllnerIII, 76:232) Giovio erklärte seine These damit, daß die Sitten, die äußere Gestalt und die verwendeten Waffen identisch seien. Diese These war in ganz Europa verbreitet. (Vgl. ebda) Die Wissenschaftler stützten sich auf die Aussagen HERODOTS, der in seinen Werken von den "Yürken" berichtet hatte. Die Gelehrten des 16. und 17. Jahrhunderts wandelten diesen Begriff in "Türken" um und waren von der skythischen Abstammung überzeugt. Müller verband den sykythischen Ursprung der Türken mit der griechischen Mythologie: "und andere schreiben, daß die Türcken heißen von einem Sohn des Herkules, welcher vor zeiten in Scythia regieret habe, deß Namen Turcko gewesen, von welchem auch diß Land der Scythier genennet worden Teucria, welches wir nun mit Verwechselung etlicher Buchstaben nennen Turckia. (...)" (Müller zit.n. GöllnerIII, 76:249) Damit war das Problem der unterschiedlichen Namen für augenscheinlich ein Volk (Skythen = Türken) gelöst. Die Skythen galten in Europa als ein ausgesprochen grausames Volk. Sicher trug diese Meinung nicht unwesentlich zur Gleichsetzung beider Völker bei.
b) Türken = Nachkommen Trojas Diese Theorien basierten aus den Versuchen der Gelehrten des Mittelalters und dem Beginn der Neuzeit alle bekannten Herrschaftsdynastien aus trojanischen Wurzeln abzuleiten. Jonannes PISCATORIUS berichtete 1541 in seinem Büchlein "Herkommen, ursprung und auffgang des Türckischen und ottomanischen Kayserthums": "(Sie) halten sich für Nachkömmling des Königs Troili, welcher ein Sohn Priami, des Trojanischen Königs, und des gewaltigen Helden Hectoris und Paridid Bruder, geweßt, und wöllen also für echte Trojaner gehalten seyn und sagen; Daß jnen, als den Erben und Nachkömmlingen der Trojaner, das gantze Römische Reich, sonderlich gegen Nidergang, von rechtswegen zustehe und zugehöre (...)" (Müller zit.n. GöllnerIII, 76:235) (Diese These wird im ersten Kapitel wieder aufgegriffen werden.)
Aus all diesen Erklärungen und Abstammungstheorien wird deutlich, daß der Name "Türke" mit zwei Dingen in Verbindung gebracht wurde:
1. mit militärischer Macht und
2. mit Grausamkeit.
Wie diese Vorstellungen entstanden, wer, warum, auf welche Weise dazu beitrug, wird in den nun anschließenden Kapiteln behandelt werden.
Quelle: (http://docserver.bis.uni-oldenburg.de/publikationen/bisverlag/spoall93/inhalt.html)