stolzer-Deutscher
17.03.05, 01:52
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Deutsche Offiziere, die 1915 in türkischen Führungspositionen standen oder
zur Unterstützung eingesetzt waren
(sehr unvollständig)
General der Kavallerie (türkischer Marschall)
Liman von Sanders (auch von Liman)
Leiter der deutschen Militärmission; Befehlshaber 1. später 5. Armee
Generalfeldmarschall (Pascha) Freiherr von der Goltz
Befehlshaber der 1. später 6. Armee
Konteradmiral Souchon
Befehlshaber der türkischen Flotte
Admiral von Usedom
Befehlshaber der Meerengen der Dardanellen
Admiral Merten
Oberbefehlshaber der Wasserstrassen
Generalmajor Bronsart von Schellendorf
Chef des türkischen Generalstabes
Generalmajor Weber
Befehlshaber asiatische Seite
Oberst Pötrih
Kommandeur 9. Division
Oberst Havik
Kommandeur 13. Division
Brigadegeneral Trommer
Kommandeur XIV. Korps
Oberstleutnant von Sodenstern
Kommandeur Südgruppe
Kapitänleutnant Firle
Kommandant türkisches Torpedoboot
Kapitän zur See Pieper
Chef Waffeninspektion Konstantinopel
Oberstleutnant Hans Kannengiesser
Kommandeur 9. Division
Major Willmer
Kommandant Küstenschutzgruppe Suvla-Bucht
Oberstabsarzt Ernst Rodenwaldt
Armeearzt 5. Armee
Leutnant Hans-Joachim Büddecke
Staffelkapitän deutsche Flugzeugstaffel
Oberst Wehrle
Kommandeur 8. Küstenschutz-Artillerie-Regiment
Hauptmann Wilhelmi
Kommandeur eines schweren Artilleriebataillons
Kapitänleutnant Hersing
Kommandant U 21
Generalmajor Fritz Bronsart von Schellendorf -- Bronsart Paşa
Gewiß war mit Enver Pascha auch der Kriegsminister ein Türke. Aber faktischer Herr über die Truppen war - als Chef des Generalstabs des ottomanischen Feldheeres von 1914 bis 1917 - Generalmajor Fritz Bronsart von Schellendorf. Als Mitglied der deutschen Militärmission und preußischer Offizier unterstand er direkt dem Kaiserreich. Er war es, der am 25. Juli 1915 die Deportation der noch verbliebenen und längst entwaffneten Armenier aus den östlichen Provinzen der Türkei befahl und damit die Todesmärsche in die syrische Wüste mit zu verantworten hat.
Selbst nach dem Kriege hat der - überdies antisemitische - General die armenischen Opfer „als blutsaugende Parasiten" diffamiert, die hassenswerter als „die schlimmsten Juden" seien.
Lebenslauf General Liman von Sanders
Otto Liman von Sanders (1855-1929), ein deutscher Offizier, war verantwortlich für Erneuerung der Ottomanischen Armee in den Monaten vor Ausbruch des Esten Weltkrieges.
Geboren am 17. Februar 1855 in Stolp, Pommern, begann Liman seine militärische Laufbahn 1874. Bis zur Beförderung zum Generalleutnant bekleidete der unpopuläre Liman zahlreiche Dienstposten in Stabs- und Divisionsverwendungen bis er 1913 zum Leiter der Deutschen Militärmission in der Türkei beordert wurde und damit verantwortlich für die Unterstützung der Neuorganisaton der Ottomanischen Armee wurde.
Limans Ernennung brachte einen Sturm des Protestes aus Russland, das den wachsenden deutschen Einfluss auf die ottomanische Hauptstadt fürchtete. Daraufhin wurde ein Kompromiss gefunden, indem Liman 1914 zu dem weniger bedeutenden und damit weniger einflussreichen Posten eines Generalinspekteurs ernannt wurde.
In den Monaten vor dem Ausbruch des Krieges im August 1914 arbeitete Liman daran die Kampfkraft der türkischen Armee zu verbessern. Er fühlte sich jedoch stets unwohl in der doppelten Rolle des Soldaten und Diplomaten. Sein Einfluss auf die türkische Politik war jedoch stark begrenzt, da sein Drang, deutsche Interessen bei jeder Gelegenheit geltend zu machen, stark ausgeprägt war. Als ein Beispiel für seine diese Interessen ist der Versuch zu werten, bereits kurz nach seiner Ankunft die türkische Regierung zu einer militärischen Allianz mit den Mittelmächten zu drängen. Sein Misslingen die türkische Beteiligung bereits kurz nach Kriegsbeginn zu erreichen enttäuschte nicht nur ihn, sondern auch die deutsche Regierung.
Im August 1914 akzeptierte er das Kommando über die Erste türkische Armee am Bosporus. Im folgenden März wurde ihm die Fünfte Armee bei Gallipoli unterstellt und ihm wird größtenteils die erfolgreiche Verteidigung gegen die alliierten Landung unter Sir Ian Hamilton zugeschrieben.
Trotz seiner verbreiteten Popularität in Deutschland änderte Liman's Erfolg nur kaum seinen Einfluss in der Türkei. Er war nicht erfolgreich das Massaker an den Armeniern zu verhindern oder den Kriegsminister Enver Pascha dazu zu bewegen die militärischen Operationen im Kaukasus 1916 zu beenden.
Im Februar 1918 war Liman Befehlshaber einer türkisch-deutschen Streitmacht an der Palästinafront. Er wurde jedoch von den wesentlich größeren britischen Kräften unter Edmund Allenby bei Schlacht von Megiddo im September 1918 überrannt und entging nur knapp der Gefangennahme.
Nach dem Waffenstillstand kehrte Liman zurück nach Konstantinopel und überwachte die Rückführung der deutschen Kräfte. Er wurde kurz durch die Engländer im Februar 1919 gefangengenommen, wegen angeblicher Kriegsverbrechen angeklagt aber im August wieder freigelassen. Er erklärte daraufhin seine Zuruhesetzung.
Er starb am 22. August 1929 in München im Alter von 74 Jahren.
Lebenslauf Generalfeldmarschall Colmar von der Goltz
Chef des Ingenieur- und Pionierkorps und Generalinspekteur der Festungen
Wilhelm Leopold Colmar Freiherr von der Goltz wurde am 12. August 1843 als zweiter Sohn eines verarmten Gutsbesitzers und vormaligen Offiziers geboren.
Bevor er die Kadettenhäuser in Kulm und Berlin besuchte, hatte er die Burg-Realschule in Königsberg besucht.
Mit 17 erhielt er das Leutnantspatent.
Der junge Offizier war kein bequemer Geist, trotzdem wurde er 1864 zur Kriegsakademie berufen. Als er 1866 bei Trautenau an der linken Schulter schwer verwundet wurde, kam er ins Privatlazarett der Tochter Bettina von Arnims. Nach der Genesung setzte er die Studien auf der Kriegsakademie bis 1867 fort und kam als Jahrgangsbester in den Großen Generalstab. Den deutsch-französischen Krieg erlebte der Generalstabsoffizier an vorderster Front.
Als Hauptmann wurde er Lehrer an der Kriegsschule Potsdam. Er schrieb u. a. ein Buch über die Operationen der 2. Armee in Frankreich, aber auch die heute noch lesenswerten Bücher "Roßbach und Jena" und "Das Volk in Waffen".
Unbequem blieb der Offizier, der inzwischen zum Major befördert worden war. 1883 schob man den Offizier in die Türkei ab. 1895 kehrte er als kaiserlich-osmanischer Marschall in die Heimat zurück und übernahm als Generalleutnant das Kommando über die 5. Division in Frankfurt/Oder. 1898 wurde von der Goltz zum Chef des Ingenieur- und Pionierkorps und Generalinspekteur der Festungen ernannt.
Er baute die fällige Verstärkung der Pioniertruppe auf und schuf aus uniformierten Handwerkern den Kampfpionier. 1900 legte er eine Denkschrift vor, in der er den Waffengang mit England als kaum vermeidbar voraussetzte und stellte die Forderung, Armee und Marine taktisch und materiell auf Landungsoperationen an freier Küste vorzubereiten.
Doch der Mahner wurde angefeindet und schließlich als Kommandierender General des I. Armeekorps in die Provinz Ostpreußen abgeschoben. Es hätte nicht viel gefehlt, und er wäre Schlieffens Nachfolger an der Spitze des Generalstabs geworden. Stattdessen wurde er zum Generalinspekteur der 6. Armee-Inspektion in Königsberg berufen und war gleichzeitig Oberbefehlshaber der in Ostpreußen stehenden Truppen im Kriegsfall.
Am 19. Dezember trifft von der Goltz in Istanbul ein. Seine Mission ist ihm zunächst unklar und es heißt, dass er einerseits, dass er alle in der Türkei befindlichen deutschen Truppen kommandieren soll und andererseits, dass er zwischen dem deutschen Botschafter und dem Chef der deutschen Militärmission Streit schlichten sollen. Schließlich wurde ihm das Oberkommando der 1. Armee angeboten.15
Danach übernahm er im Oktober 1915 das Kommando über die 6. Armee im Irak.
Von der Goltz starb als Generalfeldmarschall am 19. April 1916 an Flecktyphus in Bagdad.
----------------------------. Das Heer zählte 13 Korps und 2 selbständige Divisionen, die aber nach Zusammensetzung und Kampfwert recht verschieden und an Gefechtsstärke erheblich schwächer als gleiche deutsche Verbände waren. Sechs der am besten ausgebildeten und ausgerüsteten Korps wurden in Stärke von rund 200 000 Mann bei Konstantinopel versammelt. Aus ihnen wurden die 1. und 2. Armee gebildet, erstere unter dem Befehl des deutschen Generals Liman von Sanders, die letztere unter dem Befehl von General Djemal Pascha. Beiden Armeen oblag der Schutz der Hauptstadt gegen Landungen auf den Dardanellen und am Bosporus, aber auch gegen einen etwaigen Angriff Bulgariens.
Die schwierige Lage im Westen und Osten veranlasste die Mittelmächte um Mitte September 1914 auf baldiges Losschlagen der Türkei zu drängen. Deren Rüstungen, vor allem die Verteidigungsanlagen an Dardanellen und Bosporus, waren soweit fortgeschritten, dass Enver Pascha glaubte, den Eintritt in den Krieg verantworten zu können. Ende September wurden die Dardanellen für jeden Schiffsverkehr gesperrt, nachdem ein auslaufendes türkisches Torpedoboot vor den Meerengen durch ein englisches Kriegsschiff angehalten worden war. Erst Ende Oktober fühlte sich Enver Pascha stark genug, der unter dem deutschen Konteradmiral Souchon ins Schwarze Meer auslaufenden Flotte die Eröffnung der Feindseligkeiten gegen Russland zu befehlen.
Der Zusammenstoss mit russischen Seestreitkräften und die Beschießung russischer Küstenplätze am 29. Oktober stellen das Kabinett vor vollzogene Tatsachen. Diesem Beginn der Feindseligkeiten und dem Abbruch der russisch-türkischen Beziehungen folgten in den ersten Novembertagen die Kriegserklärungen Englands und Frankreichs. Am 15. November wurde in Konstantinopel der "Heilige Krieg" ausgerufen2.
2 Der Kampf um die Dardanellen
Die Dardanellen mit einer Länge von etwa 66 km öffnen den Zugang zur Konstantinopel und waren am Westausgang befestigt. An der Einfahrt, bei Sedd ul Bahr auf dem europäischen und bei Kum Kale auf dem asiatischen Ufer, lagen Außenwerke. Sie hatten, abgesehen von zwei modernen, weittragenden langen 24 cm Kanonen, nur geringen militärischen Wert. Das Hauptwiderstandszentrum, die Festung genannt, befand sich beiderseits der Fahrstrasse bei Tschanak. Hier standen rund 80 schwere Flachfeuergeschütze, davon fünf 35,5 cm, die mit Schussweiten von fast 17000 Metern den Feuerkampf auf weite Entfernungen führen konnten. Dazu kamen als bewegliche schwere Artillerie sechs 15 cm Haubitz-Batterien unter deutschem Befehl. Die übrigen Geschütze und die Anlagen selbst waren größtenteils veraltet, die Munitionsausstattung besonders der schwersten Kaliber knapp. Gegen Beschießung von rückwärts oder vom Lande aus waren Batterien und Werke wehrlos. Die artilleristische Verteidigung wurde durch Minensperren ergänzt. Oberbefehlshaber der Meerengen war der deutsche Admiral von Usedom, Flottenchef Konteradmiral Souchon, der die Verteidigung nach Kräften unterstützte. Deutsche Matrosenartilleristen bedienten zusammen mit Türken die wichtigsten Geschütze.
3 Die Ereignisse bis Ende April 1915 - Der Flottenangriff
Am 19. Februar 1915 beschoss die vor den Dardanellen liegende englisch-französische Flotte zum erstenmal wieder die am Eingang gelegenen Festungen und setzte diese Beschießung in den nächsten Tagen und Wochen fort. Die Außenwerke waren bald zerstört und mussten aufgegeben werden. Die dann einsetzende Bekämpfung der inneren Verteidigungswerke machte dagegen nur geringe Fortschritte. Die Flotte musste hierzu in die Dardanellen selbst einlaufen und büßte damit an Bewegungsfreiheit ein. Zur Gegenwehr der Festung und zur Minengefahr trat für die Angreifer noch die Bedrohung durch die beweglichen 15 cm Haubitz-Batterien; die Schiffe waren gezwungen, in schneller Bewegung zu bleiben, worunter wieder ihre Treffsicherheit litt. So glückte ihnen weder das Niederkämpfen der türkischen Batterien noch die Beseitigung der zahlreichen Minensperren.
Es war daher ein gewagtes Unternehmen, als die englisch-französische Flotte am 18. März zu dem entscheidenden Durchbruchsversuch ansetzte. 16 meist ältere Linienschiffe und eine große Anzahl anderer Kriegsfahrzeuge unter dem englischen Vizeadmiral de Robeck liefen in die Dardanellen ein und überschütteten, in Höhe von Erenköj Kreise fahrend, die Batterien mit einem Geschosshagel. Das Ergebnis war ein ausgesprochener Misserfolg. Schwere Schiffsverluste waren vornehmlich durch Minen eingetreten, drei Panzerkreuzer gesunken, drei andere schwer beschädigt. Der Verteidiger hatte nur geringe Verluste, Sorge machte nur der stark zusammengeschmolzene Munitionsbestand. Der Oberbefehlshaber der Meerengen-Front, Admiral von Usedom, hatte die moderne Munition der Bosporus-Batterien nach den Dardanellen überführen lassen, während auch Munition aus den Beständen der Flotte für die an den Meerengen stehenden Kaliber umgearbeitet wurde. Minen wurden aus Trapezunt und Smyrna, obwohl dort selbst schwer entbehrlich, herangezogen. Allen Schwierigkeiten zum Trotz war man an die Herstellung von Artilleriemunition, selbst für die schweren Kaliber, gegangen. Hilfslieferungen aus Deutschland waren kurzfristig wegen unterbrochener Verbindungen nicht zu erwarten. Was die Türkei dagegen im Falle einer Auffüllung ihrer Kriegsrüstung durch die deutsche Waffenindustrie würde leisten können, schilderte Enver Pascha3 in einem Schreiben an General von Falkenhayn vom 23. März in lebhaften Farben.
Seitdem hielt sich die englisch-französische Flotte zurück. Aus dem gescheiterten Durchbruchsversuch zog der englische Kriegsrat die Folgerung, dass nunmehr die Dardanellen durch einen Landangriff bezwungen werden sollten. Unter dem Befehl des englischen Generals Sir Jan Hamilton wurde ein englisch-französisches Expeditionskorps von fünf Divisionen mit insgesamt 75 000 Mann gebildet. Seine Bereitstellung im östlichen Mittelmeer nahm indessen soviel Zeit in Anspruch, dass es erst Ende April, fast fünf Wochen nach dem Flottenangriff, an den Dardanellen kampfbereit war.
Die türkische Heeresleitung war daher in der Lage, Gegenmaßnahmen zu treffen. Bereits am 24. März hatte Enver Pascha die Bildung einer neuen 5. Armee an den Dardanellen verfügt; Oberbefehlshaber wurde General Liman von Sanders, der bisherige Führer der 1. Armee, die auch die Masse der Truppen stellte. Die Gesamtstärke der sechs Divisionen starken neuen Armee betrug nach türkischen Angaben rund 80 000 Mann4. Schwere Artillerie, Flugzeuge und andere Sonderformationen fehlten zunächst ganz. Zum Schutze der Hauptstadt standen auch weiterhin die durch Neubildung aufgefüllte 1. Armee, seit Mitte April unter Generalfeldmarschall Freiherrn von der Goltz, und die 2. Armee bei Konstantinopel und in Thrazien bereit.
Die Aufgabe der 5. Armee, Landungen an den Dardanellen zu verhindern, war schwer. Landungsmöglichkeiten bestanden an vielen Stellen auf dem europäischen wie asiatischen Ufer. Abwehrmaßnahmen gegen Landungen waren außer in der Dardanellen Strasse selbst nur an wenigen Stellen getroffen. Die asiatische Küste war, abgesehen von örtlichen Sicherungen der Festung, ohne jede Befestigungsanlage. Die Halbinsel Gallipoli hatte nur auf der Landenge von Bulair einige veraltete Erdschanzen zum Schutze gegen einen aus Thrazien angreifenden Gegner. An der ausgedehnten Nordwestseite der Halbinsel machte an einigen Stellen das Steilufer Landungen unmöglich, an anderen, wo die Strandverhältnisse günstig lagen, erschwerten in geringer Entfernung von der Küste schroff aufsteigende und schwer zugängliche Höhenzüge schnelles Vorwärtskommen des Angreifers. Die geringsten Geländeschwierigkeiten bot ihm der südliche Teil der Halbinsel. Hier hatte auch die feindliche Flotte günstige Gelegenheit, durch Feuer zu unterstützen. Der Besitz der höchsten Erhebungen entschied bei der Schmalheit der Halbinsel über deren Schicksal und damit über das der Dardanellen, denn sie beherrschten das zum Meer abfallende Gelände und gewährten an vielen Stellen auch Einblick auf die Meerenge selbst und ihre Verteidigung.
An den Dardanellen-Kämpfen war deutsche Kräfte unmittelbar beteiligt. Die Zahl war zwar zunächst gering und stieg erst allmählich, aber die wenigen Deutschen befanden sich meist an hervortretenden Stellen. Vor allem lag die Armeeführung in der Hand des deutschen Generals Liman von Sanders. Andere deutsche Offiziere standen an der Spitze von Korps und Divisionen oder arbeiteten in der Verwaltung, wieder andere waren auf dem Generalstab, die höheren Stäbe und die Artillerie verteilt oder als Flieger tätig. Deutsche Pioniere und Maschinengewehrschützen standen in vorderster Linie der Kampffronten. Bestes Einvernehmen herrschte zwischen den Deutschen und den Türken.
Die Dardanellen-Verteidigung beabsichtigte General Liman von Sanders aktiv zu führen. Diese Taktik wurde zunächst von der türkischen Seite abgelehnt, da man vor dem Eintreffen Liman von Sanders eine weit vorne vorbereitete Verteidigung geplant hatte. Notgedrungen hatte man sich dann jedoch den deutschen Plänen gefügt5. Im Küstenschutz, für den Befestigungen und Hindernisse angelegt wurden, beließ er nur schwache Abteilungen, das Gros der Kräfte hielt er im Hintergelände zum Gegenstoß bereit. Vier Divisionen standen auf der Halbinsel Gallipoli, je zwei im südlichen Teil und im Raume Bulair, die verstärkte 1. Kavallerie-Brigade am Nordufer des Golfes von Saros. Zwei Divisionen schützten die asiatische Seite. Der Armeeführer nahm seinen Sitz in der Stadt Gallipoli. Er war damit der Enge von Bulair nahe, deren Festhalten für das Schicksal der Dardanellen entscheidend sein musste. Fiel Bulair, so war die Landverbindung nach Konstantinopel abgeschnitten und die Zufuhr über See in Frage gestellt.
Voraussetzung für die gewählte Truppenaufstellung war Schnelligkeit des Einsatzes. Umfangreiche Wegeverbindungen mussten durch Arbeiterbataillone neugeschaffen und Übersetzgerät bereitgestellt werden, um die Truppen rasch von einem zum anderen Dardanellenufer überführen zu können. Das Nachrichten- und Meldewesen bedurfte der Verbesserung und Vervollständigung; wie überall, so fehlte es auch hier an Gerät. Marschgewöhnung der Truppe, die durch die bisherige örtliche Gebundenheit ihre Beweglichkeit eingebüßt hatte, ging Hand in Hand mit ihrer Schulung für Gegenangriff und Nachtgefecht. Die verhältnismäßige Ruhe, die nach dem Flottenangriff bis gegen Ende April anhielt, kam daher dem Armeeführer sehr gelegen6.
4 Die Landungen Ende April
Am frühen Morgen des 25. April kündete starker Kanonendonner wichtige Ereignisse an. Besonders vernehmbar dröhnte er von den nur einige Kilometer von der Stadt Gallipoli entfernten Höhen von Bulair herüber. Bald liefen Meldungen von allen Seiten über Landungen und Landungsabsichten des Feindes ein. Nach Alarmierung der bei Gallipoli und östlich von Bulair befindlichen beiden Divisionen begab sich General Liman von Sanders auf die Stadt vorgelagerten Höhen, um sich über die Lage bei Bulair persönlich zu unterrichten. Mehrere Kriegsschiffe feuerten vom Golf von Saros her fast unausgesetzt auf die Küste und die befestigten Höhen. Elf große Dampfer, vermutlich mit Truppen an Bord, lagen weiter zurück. Anstalten zum Ausbooten waren zunächst nicht erkennbar. An vielen Stellen waren Landungsvorbereitungen gemeldet worden, so dass der Schwerpunkt noch nicht erkennbar war. An der asiatischen Seite ankerte seit dem frühesten Morgen ein Geschwader in der Besika-Bucht. Unter dem Feuer der Kriegsschiffe schienen hier Transportdampfer Vorbereitungen zum Landen zu treffen. Weiter nördlich lag schweres Schiffsfeuer auf den schon früher zusammengeschossenen Werken von Kum Kale und ihrem Hinterland. Am europäischen Ufer war der Feind an der Südspitze bei Sedd ul Bahr, nach heftiger Kanonade an verschiedenen Punkten zu Landungen geschritten; der türkische Widerstand hielt hier an. Aber auch nördlich Kaba Tepe, bei Ariburnu, hatte der Gegner auf den vom Ufer unmittelbar ansteigenden Höhen Fuß gefasst. Hier war er ohne Artilleriefeuer unter dem Schutze der Dunkelheit überraschend herangekommen; türkischen Gegenangriffe hatten eingesetzt.
Diese Meldungen und persönliche Wahrnehmungen befreiten den Armeeführer nicht von der Sorge, dass der Hauptangriff des Gegners doch noch bei Bulair stattfinden könnte. Die Landungen im südlichen Teil der Halbinsel bestimmten ihn, dem Kommandierenden General des III. Korps, General Essad Pascha, die Kampfleitung daselbst zu übertragen. Auf dem asiatischen Ufer führte der deutsche Generalmajor Weber den Befehl. Hier hatten, wie sich ergab, französische Truppen bei Kum Kale Fuß gefasst, während die Bewegungen des Feindes in der Besika-Bucht sich als Täuschungsversuch herausgestellt hatten. General Liman von Sanders selbst, der den ganzen Tag auf den Höhen von Bulair verblieb, kam mehr und mehr zu der Auffassung, dass es sich hier nur um Täuschungsunternehmungen handelte. Als der Gegner bis zum Abend nicht zu Landungen geschritten war, dagegen Essad Pascha dringlich Verstärkungen für die in schwerem Kampfe stehenden Truppen im Südteil der Halbinsel anforderte, glaubte er die Abgabe von Teilen der bei Bulair bereitgehaltenen Divisionen verantworten zu können. Er selbst blieb aber auch nach Einbruch der Dunkelheit noch auf den dortigen Höhen.
Am 26. April befahl General Liman von Sanders den staffelweisen Abtransport der bei Bulair stehenden Kräfte in den südlichen Teil der Halbinsel und begab sich selbst dorthin zum Gefechtstand des Generals Essad Pascha, knapp fünf Kilometer hinter der Kampffront von Ariburnu. Das Ziel, den Feind wieder ins Meer zu werfen, bevor er sich festgesetzt hatte, war an keiner Stelle erreicht. Türkische Gegenangriffe unter Leitung des Oberstleutnants Mustafa Kemal Bey hatten zwar dem Vordringen der bei Ariburnu gelandeten Australier und Neuseeländer Halt geboten. Der beherrschende Höhenzug des Sari Bair, dessen Besetzung einen Teil der Meerengen-Werke der feindlichen Sicht ausgeliefert hätte, war fest in türkischer Hand. Aber noch klammerte sich der Gegner an die unmittelbar vom Meer aufsteigenden Hänge und begann sich einzugraben. Die Gegenangriffe hatten viel Blut gekostet. Das Feuer der Schiffsartillerie, die nicht nur die seewärts gelegenen Hänge abstreute, sondern auch das Hintergelände, in dem die türkischen Reserven vorgeführt werden mussten, hatte die Truppe stark mitgenommen. Schwieriger war die Lage an der Südspitze. Zwei türkische Bataillone, die hier gegen starke Übermacht7 im Kampfe standen, hatten mehr noch als von dem landenden Gegner von der feindlichen Flotte auszuhalten, die mit schweren und schwersten Kalibern die türkischen Stellungen fast unausgesetzt unter Feuer hielt. Wegen ihrer bedrängten Lage war der größere Teil der in der nacht von Bulair eingetroffenen Verstärkungen dem Gefechtsfeld an der Südspitze zugeführt worden.
Auf dem asiatischen Ufer der Dardanellen gingen bei Kum Kale heftige Kämpfe weiter. War die Lage hier auch noch nicht ausreichend geklärt, so sprachen doch viele Anzeichen dafür, dass der Feind den Schwerpunkt seines Angriffs auf die europäische Seite, und zwar auf den südlichen Teil der Halbinsel Gallipoli, zu legen gedachte. Von den sechs Divisionen der 5. Armee waren vier in diese Kämpfe verwickelt, da Eintreffen ihrer letzten Teile war in der Nacht zum 28. April zu erwarten. Von den beiden in Asien stehenden Divisionen Kräfte herüberzuziehen, erschien nicht ratsam, bevor die Kämpfe daselbst zum siegreichen Abschluss gekommen waren. Die schon am 25. April sofort nach der Landung von der Heeresleitung erbetenen Verstärkungen konnten erst in den letzten Apriltagen eintreffen. So blieb die 5. Armee zunächst auf ihre eigene Kraft angewiesen, deren Begrenztheit starke Gegenangriffe ausschloss.
Schon am zweiten Kampftage stellte es sich als notwendig heraus, die beiden räumlich getrennten Kampfzonen auf Gallipoli gesondertem Befehl zu unterstellen. Gegenüber Ariburnu behielt Essad Pascha die Führung über die später als Nordgruppe bezeichneten Teile. Die an der Südspitze kämpfenden Truppe, später Südgruppe, wurde dem deutschen Oberstleutnant von Sodenstern unterstellt. Die entscheidende Frage war, ob die geschwächten Truppen, die seit dem frühen Morgen des 25. April ohne Ablösung den stärksten körperlichen und seelischen Beanspruchungen ausgesetzt waren, sich bis zum Eintreffen der Verstärkungen würden halten können.
Doch auch der Gegner war offenbar erschöpft; seine schon durch die Überfahrt angestrengten Truppen begnügten sich mit dem errungenen schmalen Küstenstreifen. Erst am 28. April machten sie an der Südspitze einen neuen starken Angriff, der den Besitz des Dorfes Kirthe bringen sollte. Er schlug fehl. Bei Ariburnu hielt sich der Feind zurück. Inzwischen hatten auf dem asiatischen Ufer in der Nacht zum 27. April die Franzosen Kum Kale wieder geräumt und den rechten Flügel bei Sedd ul Bahr verstärkt. General Liman von Sanders konnte daher den größeren Teil der dort stehenden beider Divisionen nach Gallipoli abrufen.
Der Armeeführer beschloss, sich zuerst dem Feind an der Südspitze zuzuwenden, wo der türkische Widerstand so geschwächt zu sein schien, dass rasches Vordringen des Gegners gegen die Festung zu befürchten war. Um die Wirkung der feindlichen Schiffsartillerie in dem offenen Gelände auszuschalten, sollten die Türken den Feind durch Nachtangriff ins Meer werfen. In der Nacht zum 2. Mai stürmten etwa 21 türkische Bataillone gegen die englischen und französischen Linien bei Sedd ul Bahr mit größter Tapferkeit an. Doch die Erfolge, die beim ersten Angriff gegen den linken französischen Flügel und die englische Mitte erreicht wurden, ließen sich nicht halten. Bei Tagesanbruch sahen sich die teilweise zusammengeballten türkischen Massen on offenem Gelände verheerenden Feuer vom Lande und von See ausgesetzt. Unter schwersten Verlusten mussten sie in ihre Ausgangsstellungen westlich und südwestlich des Dorfes Kirthe zurückgehen. In der Nacht zum 4. Mai vergeblich wiederholte Angriffe kosteten weitere blutige Opfer; die Truppen waren am Ende ihrer Kraft.
General Liman von Sanders musste auf die Fortführung der Versuche verzichten, den Gegner ins Meer zu werfen. Da aber auch dieser durch die ununterbrochenen Tag- und Nachtkämpfe auf das äußerste erschöpft war, gewannen die Dardanellen-Verteidiger Zeit, sich zur Abwehr einzurichten und neue Kräfte heranzubringen. Erst am 6. Mai griff der Feind an der Südspitze, wo inzwischen Generalmajor Weber den Befehl übernommen hatte, von neuem mit starker Kraft an und setzte den Angriff in den beiden folgenden Tagen fort. Das Ergebnis war trotz schwerster Opfer für die Engländer nur geringer Bodengewinn, der an keiner Stelle über 600 Meter hinausging; unerreicht wie am ersten Tage lag vor ihnen das Massiv des Eltschi Tepe. Auch Australier und Neuseeländer hatten den Versuch, ihre Linien bei Ariburnu weiter vorzuschieben, unter schwersten Verlusten aufgeben müssen.
Die feindlichen Absichten waren damit zunächst gescheitert. General Hamilton hatte das Schwergewicht der Landungen auf den südlichen Teil der Halbinsel und hier wieder auf deren Südspitze gelegt, weil schnelles Vordringen in diesem offenen, von drei Seiten durch die Flotte umfassten am ehesten erreichbar schien. Aber weder die Landungen bei Ariburnu noch die Demonstrationen bei Kum Kale, in der Besika-Bucht und vor Bulair hatten die Türken abgehalten, gegenüber Sedd ul Bahr kräftigsten Widerstand zu leisten. Übermüdung der gelandeten Truppen, Munitionsmangel und ungenügendes Zusammenwirken untereinander und mit der Flotte waren dem Vordringen in den ersten Tagen hinderlich gewesen.
5 Der Stellungskampf vom Mai bis Anfang August
Beiderseitige Erschöpfung führte zum Stellungskampf. Anders als an Fronten mit großer Tiefenausdehnung musste die Verteidigung auf Gallipoli jeden Fuß Bodens festhalten, da die Ziele, um die es ging, dicht hinter den Stellungen lagen. Bei Sedd ul Bahr trennten den Gegner knapp 20, bei Ariburnu nur sieben Kilometer von den Hauptforts der Dardanellen-Festung. Um seine gewaltige artilleristische Überlegenheit, die sich auf die Unterstützung der ganzen Flotte gründete, nicht zur vollen Wirkung kommen zu lassen, suchten die Türken ihre vordersten Gräben so dicht wie möglich an die feindlichen Linien zu legen. Die Besetzung musste stark bemessen werden, denn schnelles Vorführen von Reserven war, da das rückwärtige Gelände im feindlichen Artilleriefeuer lag, kaum möglich. Im Laufe des Mai und der folgenden Monate setzte der Feind an der Südspitze nach Verstärkung durch drei weitere Divisionen8 immer wieder zu neuen Angriffen unter starker artilleristischer Vorbereitung an. Ende Juli, nach drei Monate dauernden verlustreichen Kämpfen, lagen die englisch-französischen Gräben hier nur etwa einen Kilometer weiter vorwärts als kurz nach der Landung.
Im Laufe der Monate machte der Ausbau der Stellungen große Fortschritte. An einigen Stellen lagen sich die Gräben so nahe gegenüber, dass sich ein heftiger unterirdischer Minenkrieg entwickelte. Wertvolle Unterstützung leistete dabei eine zusammengestellte deutsche Pionier-Kompanie, deren Angehörige im Juni als Einzelreisende die neutralen Balkan-Länder durchquert hatten. Ursprünglich 200 Mann stark, hatte die Kompanie erschreckende Ausfälle durch Klima und ungewohnte türkische Verpflegung. Im Durchschnitt waren nur einige 40 Mann verfügbar, die zur Unterweisung der Türken im Minenkrieg auf die Fronten verteilt wurden.
In ihrem schweren Kampfe wurde die 5. Armee von der Festung und der Flotte nach Kräften unterstützt. Die Festung unter Admiral von Usedom nahm vor allem vom asiatischen Ufer her den feindlichen rechten Flügel wie auch die Landestellen bei Sedd ul Bahr unter wirkungsvolles Feuer. Schwere Munition wurden unmittelbar an die Armee abgegeben, die Flieger in ihren Dienst gestellt. Von der Flotte ließ Konteradmiral Souchon zwei deutsche Maschinengewehr-Abteilungen landen, ein willkommener Zuwachs für die damit nicht reichlich ausgestatteten türkischen Truppen; auch gab er schwere Geschütze und Munition ab. Wie schon im Februar und März ließ er feindliche Schiffe vor Ariburnu unter indirektes Feuer nehmen. Am 13. Mai brachte ein türkisches Torpedoboot unter dem deutschen Kapitänleutnant Firle das englische Linienschiff "Goliath" in den Dardanellen zum Sinken. Wenige Tage später traf das deutsche Unterseeboot 21 unter Kapitänleutnant Hersing vor den Dardanellen ein und torpedierte die englischen Linienschiffe "Triumph" und "Majestic".
Furcht vor weiteren Einbußen zwang die feindliche Flotte für einige Wochen in die gesicherten Häfen von Lemnos und Imbros zurück. Bereits Ende Juni setzten allerdings Abwehrmittel gegen Unterseeboote die feindliche Flotte instand, die Landkämpfe von neuem zu unterstützen. Flachgehende, mit schwerstem Kaliber ausgestattete Monitore leisteten hierbei besondere Dienste. Den an Zahl bald vermehrten deutschen Unterseebooten fielen seitdem nur noch Transportschiffe zur Beute.
Mit berechtigter Sorge verfolgten die türkische Heeresleitung und der Führer an den Dardanellen den sich hinziehenden Stellungskrieg. Die Opfer, die er auferlegte, waren für das türkische Heer schwerer zu tragen als für den Feind, denn die Wehrkraft des Landes war nicht unbegrenzt. Seit Beginn der Kämpfe hatten den Dardanellen infolge der hohen Verluste immer neue Divisionen zugeführt werden müssen. In der ersten Julihälfte wurde sogar die vier Divisionen zählende 2. Armee unter General Wehib Pascha, die in Thrazien zur Verwendung auf dem Balkan bereitstand, dem General Liman von Sanders unterstellt, um abgekämpfte Divisionen der Südgruppe abzulösen. Gleichwohl kam die 5. Armee auf nicht mehr als 110 000 Mann Kampftruppen. Ihre Wiederauffüllung machte wachsende Schwierigkeiten; es fehlte an Führern und Unterführern, der Ersatz hatte nur überstürzte, unvollständige Ausbildung erhalten. Der Kampfwert musste daher in zunehmenden Maße sinken.
Die verlustreichen Kämpfe stießen nicht nur auf Kritik seitens der türkischen Führung , sondern auch durch Generalfeldmarschall von der Goltz, dem Befehlshaber der 1. Armee.
Eines Tages erklärte der Feldmarschall, dass der "Knabenmord von Ypern hier nicht wiederholt werden darf", und setzte ein Schreiben mit der Mahnung auf, dass Infantrieangriffe durch die Artillerie gut vorbereitet werden müssten. Dieses Schreiben wurde dem Marschall Liman von Sanders zugestellt, worauf beim Generalhauptquartier in Istanbul ein Fernschreiben eintraf, mit welchem sich Liman von Sanders "das Gefasel eines Greises" verbat und kurz darauf die aus Istanbul frisch eingetroffene 2. Garde-Infantrie-Division ohne Artillerievorbereitung (es herrschte allerdings großer Mangel an Artillerie-Munition) zum Angriff ansetzen ließ. In wenigen Minuten waren die mit aufgepflanzten Bajonett stürmenden Reihen niedergemäht und die 2. Garde-Infantrie-Division war nicht mehr.
Dieses unglückliche Ergebnis gibt eine Erklärung für das folgende merkwürdige Verhalten des Oberkommandierenden der 5. Armee gegenüber dem Generalfeldmarschall von der Goltz:
Als sich der Feldmarschall in der zweiten Septemberhälfte bei Seiner Majestät abmeldete, um seinen Frontabschnitt bei Gallipoli zu besichtigen, beauftragte ihn der Sultan, der benachbarten 5. Armee seinen kaiserlichen Gruß zu übermitteln. Wir fuhren in das Wäldchen, wo sich das Hauptquartier der 5. Armee befand. Der dort anwesende deutsche Militärattachè Oberst von Leipzig empfing ns und empfahl dem Feldmarschall, die Begegnung zu meiden. Jedoch kurz darauf trat Liman von Sanders aus seinem Zelt; der Feldmarschall ging ihm rasch entgegen und sagte salutierend:" Mein lieber Marschall, ich überbringe Ihnen die Gr..." Die letzten Worte blieben ihm im Munde stecken, denn Liman von Sanders schnarrte:" Habe keine Zeit, muss zur Front." Dann bog er rechts ab und bestieg sein Auto.
Diesen bedauernswerten Vorgang hat Admiral Usedom Pascha, Oberkommandierender der Festungen beider Meerengen, dem deutschen Hauptquartier gemeldet, das empfahl, die Nachbarschaft der beiden deutschen Führer türkischer Armeen zu vermeiden. Der Feldmarschall übernahm deshalb das Kommando der 6. Armee im Irak.9
Fast ebenso schwer wie die Menschenverluste litt die Abwehr durch Abnutzung und Verschlechterung des Geräts. Während der Feind über die Hilfsmittel fast der gesamten Welt verfügte, war die von den Mittelmächten abgesperrte Türkei ausschließlich auf eigene Kraft angewiesen. Diese ging zur Neige. Was von der Flotte und anderen Teilen der Wehrmacht an Kampfmitteln abgegeben werden konnte, war bereits eingesetzt worden. Die Herstellung von Gerät hielt sich in bescheidensten Grenzen. Nur zur Wiederinstandsetzung beschädigter oder abgenutzter Rohre, nicht zur Neuanfertigung von Geschützen waren die Werkstätten Konstantinopels imstande. So vergrößerte sich ständig das Übergewicht des Gegners an Kampfmitteln. Die schon nach Zahl und Kaliber unterlegene türkische Artillerie konnte aus Munitionsmangel nicht voll ausgenutzt werden; gelegentlich hatte sie schon zu Manöverkartuschen gegriffen, um der Infanterie ihre Unterstützung vorzutäuschen. Bereits im Frühjahr war man in Konstantinopel selbst zu vermehrter Herstellung von Munition übergegangen. An die Spitze der im Mai 1915 gegründeten Waffeninspektion trat der deutsche Kapitän zur See Pieper. Ingenieure und Facharbeiter wurden aus Deutschland herangezogen. Hervorragendes wurde geleistet, aber trotz aller Anpassungen konnten Vergrößerung und Verbesserung des Betriebes nur allmählich vor sich gehen. So war es erklärlich, dass besonders im Anfang die neue Munition nicht überall befriedigte und auch nicht in genügender Menge hergestellt werden konnte. Durchgreifende Behebung der Munitionsnot, die auch die leitenden Stellen in Konstantinopel und Deutschland unausgesetzt beschäftigte, war nur zu erwarten, wenn der Weg nach Konstantinopel geöffnet wurde.
Schwierig war auch die Verpflegungslage. Da der Operationsraum gar nichts und das Hinterland so gut wie nichts bot, mussten der gesamte Nachschub der Armee von Konstantinopel herangeführt werden. Der Seeweg war die kürzeste Verbindungslinie, Laderau stand genügend zur Verfügung. Gleich nach beginn der Kämpfe tauchten aber englische Unterseeboote trotz der in den Meerengen ausgelegten Sperren im Marmara-Meer auf und versenkten eine große Anzahl von Frachtschiffen und geleitenden Kriegsfahrzeugen. Konnten sie den Nachschub über See auch nicht ganz unterbinden, so nötigten sie doch zur Einrichtung einer Landetappe; diese aber war bedeutend länger. Von der Eisenbahn südlich von Adrianopel mussten noch 160 Kilometer, rund sieben Tagemärsche, auf schlechten, von ungünstiger Witterung nahezu unpassierbaren Wegen zurückgelegt werden. Transportträger waren Kamelkolonnen und Ochsengespanne, selbst Eselkolonnen mussten trotz geringen Leistungsvermögens aufgestellt werden. Kraftwagen waren erst später verfügbar. So kam es, dass die 5. Armee von der Hand in den Mund lebte und der deutsche Armeeintendant nie über volle Magazine verfügte.
6 Neue Landungen und Nachlassen der Kämpfe
Seit Mitte Juli verdichteten sich die Nachrichten, dass der Feind Verstärkungen heranziehe und neue große Landungen an den Dardanellen plane. Schon jetzt waren fast alle Machtmittel der Türkei durch die Dardanellen-Kämpfe gebunden. Ende Juli kämpften von den 45 Divisionen des türkischen Heeres 16 an den Dardanellen, 7 Divisionen, die als 1. Armee bei Konstantinopel standen, dienten in der Hauptsache als Reserve für die Meerenge. Der Rest, der Zahl nach 22 Divisionen, der Kampfkraft nach aber sehr viel weniger, verteilte sich auf die asiatischen Kriegsschauplätze.
Ebenso wenig wie im April ließ sich jetzt vorhersehen, wo der neue Feind landen würde. Die für die Verteidigung der Halbinsel Gallipoli gefährlichsten Stellen schienen der Raum von Bulair und die Lücke zwischen der Nord- und Südgruppe zu sein. Aber auch die asiatische Seite bedurfte der Sicherung. Hier standen Anfang August drei abgekämpfte Divisionen. Da bei der Südgruppe sechs, bei der Nordgruppe vier Divisionen eingesetzt waren, verfügte General Liman von Sanders noch über eine Armeereserve von drei Divisionen, davon zwei bei Bulair, eine zwischen der Nord- und Südgruppe.
Am Nachmittag des 6. August griff der Feind mit starken Kräften die Südgruppe an. Gegen Abend legte sich schweres Feuer auf das Hintergelände der Nordgruppe, bald folgte ein Angriff gegen deren linken Flügel. Nach Einbruch der Dunkelheit kamen die ersten Meldungen von Landungen und Truppenbewegungen im Raume nördlich Ariburnu bis zur Suvla-Bucht. Offensichtlich wollte der Gegner die rechte Flanke der Nordgruppe umfassen. Schnelles Vordringen konnte ihn in den Besitz des beherrschenden Höhenzuges Sari Bair und des nördlich anschließenden Geländes setzen, womit ihm ein Teil der Meerengenbefestigungen preisgegeben war. Die auf die Südgruppe und den linken Flügel der Nordgruppe angesetzten Angriffe waren mehr als Ablenkungsversuche anzusprechen. General Liman von Sanders war in schwieriger Lage, denn gerade da, wo der Gegner jetzt gelandet war, standen gar keine oder nur schwache türkische Truppen. Sofort setzte er dorthin die beiden bei Bulair stehenden Divisionen und entbehrliche Kräfte der Südgruppe in Marsch, auch vom asiatischen Ufer wurden Teile herangezogen. Aber die Wege waren weit und beschwerlich. Es war fraglich, ob die Truppen zur Zeit kommen würden.
Tatkräftiges Eingreifen eines deutschen Offiziers rettete m frühen Morgen des 7. August die Lage auf dem Sari Bair für die Türken. Oberstleutnant Kannengiesser, der Kommandeur der im Küstenschutz zwischen der Nord- und Südgruppe stehenden 9. Division, hatte gegen 0430 morgens den Befehl erhalten, diesen beherrschenden Höhenzug zu besetzen. Seiner Division voraus traf er gerade zur rechten Zeit ein, um mit schnell zusammengerafften schwachen Kräften den anrückenden Feind in Schach zu halten, bis die Division selbst herankam.
Oberstleutnant Kannengieser war seinen Männern weit voraus und um auf die steile Anhöhe des Chunuk Bair zu steigen, musste er vom Pferd steigen und auf allen Vieren nach vorne kriechen. Er erreichte die Anhöhe kurz bevor 07:00 morgens und fand eine türkische Batterie (wahrscheinlich zwei Gebirgskanonen) in Position wobei die Besatzungen und der Kommandant alle schliefen obwohl es deutlich war, dass weniger als 3500 yards im Norden feindliche Truppen bei Suvla Bay landeten. Er weckte sie auf und befahl ihnen das Feuer auf die britischen Truppen in der Gegend bei Salt Lake zu eröffnen. Danach schaute er den Hügel hinab und sah, dass in einer Entfernung von 500 yards etliche britische Truppen angriffen. Er hatte keine eigenen Truppen außer einer Gruppe von 20 Türken, die er fand und vermutlich zur Unterstützung der Gebirgsbatterie eingesetzt waren. Nach einigen Schwierigkeiten, diese zum Handeln zu bewegen (sie akzeptierten nur Befehle von ihrem nächsten Vorgesetzten), konnte er sie überzeugen auf die Engländer zu schießen. Im Moment dieser plötzlichen Gegenwehr gingen die Briten in Deckung und stellten den Angriff ein. Wenig später trafen dann die angeforderten Verstärkungskräfte ein.10
So vergingen die kritischen Morgenstunden des 7. August, ohne dass die Engländer, die auf nächste Entfernung gegenüberlagen, ernsthafte Versuche gemacht hätten, sich des Höhenkammes zu bemächtigen. Erst am 8. August und in den folgenden Tagen setzten sie zum entscheidenden Angriff an. Mittlerweile waren aber die türkischen Reserven zur Stelle. Im Kampf Mann gegen Mann wechselte die Höhe mehrfach den Besitzer, um schließlich endgültig den Türken zu verbleiben.
Nicht weniger bedrohlich war die Lage am 7. August östlich der Suvla-Bucht. Das flache Küstenland umsäumt hier eine Hügelkette, die sich von den Ausläufern des Sari Bair nach dem steil aufragenden Kiresch Tepe spannt. Hier sollten die von Bulair in Marsch gesetzten Divisionen dem landenden Gegner Halt gebieten; sie hatten 40 bis 50 Kilometer Anmarsch. Auf die vom asiatischen Ufer abgerufenen Kräfte war erst in 48 Stunden zu rechnen, auf die inzwischen auch vom türkischen Großen Hauptquartier erbetenen Verstärkungen vorerst überhaupt nicht. So blieb zur Abwehr nur ein schwacher Küstenschutz von einigen wenigen Bataillonen und Batterien, die dem Befehl des deutschen Majors Willmer unterstellt waren, im ganzen 1800 Mann mit 19 Geschützen. Alles kam darauf an, das feindliche Vordringen zu verzögern.
Am 7. August um 06:00 Uhr sendete Major Willmer die folgende Meldung an General Liman von Sanders:
"Der Feind ist gegen 21:30 letzte Nacht bei Nibrunesi gelandet. Die vorgeschobenen Kompanien sind von Lala Baba vor überlegenem Feind ausgewichen und sind nun dem 1. Bataillon des 31. Regiments bei Chokolate Höhe unterstellt. Die Höhe Kiretch Tepe - Chokolate sind fest in eigener Hand. Gut geschützt setzt der Feind die Anlandungen fort. Ich halte die Stellung wie befohlen aber erbitte dringend Verstärkung."11
General Liman von Sanders zog trotz des Widerstrebens mancher Stellen aus dem ganzen Armeebereich alle irgendwie entbehrlichen Kräfte mit dem Marschziel der Suvla-Bucht heraus und ergänzte persönlich die bereits getroffenen Maßnahmen zur Abwehr. Glücklicherweise machten die Engländer keine Anstalten, die Gunst der Lage auszunutzen, sondern begnügten sich, das Vorfeld der neuen Landungsstelle in Besitz zu nehmen. Allerdings konnten die als Reserve erwarteten Divisionen erst am 9. August angriffsbereit sein. Der Feind hatte abermals einen Tag gewonnen, um den vor ihm stehenden dünnen Schleier der Türken zurückzudrücken und in der Richtung auf die Festung durchzustoßen. Nur 15 Kilometer trennten ihn von der Wasserstrasse. Eine Übermacht von etwa 80.000 Mann stand hierzu am 8. August bereit, der Major Willmer nach den Verlusten des 7. August nur noch etwas über 1000 Gewehre entgegenzustellen hatte. Dem Armeeführer aber, der sich am Morgen des 8. August auf das Gefechtsfeld östlich der Suvla-Bucht begeben hatte, bot sich ein unfassbares Bild. Während vom benachbarten Massiv des Sari Bair ununterbrochener Kanonendonner herüberdröhnte und der ganze Höhenkamm in Rauch und Dunst gehüllt war, spielte sich im Küstenland ein höchst friedliches Leben ab: weite Biwaks, aus denen Rauch aufstieg, vor ihnen flüchtig aufgeworfene Gräben, auf deren Rändern die Besatzung plaudernd und rauchend saß; am Strande lebhaftes Kommen und Gehen und ausgedehnter Badebetrieb. Hatte schon die geringe Unternehmungslust des Gegners am 7. August Staunen erregt, so noch mehr die jetzige nahezu völlige Untätigkeit.
Als sich die Engländer sich endlich am 9. August zum Vorgehen anschickten, stießen sie auf den Gegenangriff der von Bulair eingetroffenen beiden türkischen Divisionen. In schweren Kämpfen warfen die Türken unter Oberst Mustafa Kemal Bey am 9. und 10. August den Feind auf seine Ausgangsstellungen im Flachland zurück. Alle die Küstenzone beherrschenden Höhenstellungen blieben in ihrer Hand. Versuche der Engländer, sich aus dieser unhaltbaren Lage durch neue Angriffe zu befreien, scheiterten am 15. und 21. August.
Der mit fünf Divisionen12 unternommene neue Versuch, die Dardanellen zu Fall zu bringen, war fehlgeschlagen. Obgleich die Entente-Armee jetzt elf britische und zwei französische Divisionen zählte, hatte sie nichts weiter gewonnen als eine Frontverlängerung um etwa zwölf Kilometer. Nicht mehr nördlich von Ariburnu, sondern nordöstlich der Suvla-Bucht endete der von ihr besetzte schmale Küstenstrich. Ob sie sich in dem flachen Vorgelände der Buht auf die Dauer würde halten können, erschien fraglich. Die in dem neuen Kampfabschnitt nach und nach zusammengezogenen sechs türkischen Divisionen wurden als "Anaforta-Gruppe" unter Oberst Mustafa Kemal Bey zusammengefasst. Seit Ende August bestand somit die türkische 5. Armee aus der Süd-, Nord- und Anaforta-Gruppe. Auf asiatischer Seite blieben nur schwache Kräfte. Die Armee umfasste vorübergehend 22, später 17 Divisionen, zählte aber selbst zur Zeit ihrer größten Stärke infolge hoher Abgänge nicht mehr als 120.000 Mann. Um sie von der Sorge im Rücken zu entlasten, wurde die Sicherung der Landenge von Bulair der 1. Armee übertragen.
Ende August flauten die Kämpfe ab. Wieder wie vor dem 6. August nahm der Krieg die Form des Stellungskampfes an. Mit dem Herannahen der kälteren Jahreszeit steigerten sich die Schwierigkeiten des türkischen Ersatzes und Nachschubes. Schutz gegen Nässe und Kälte verlangte bessere Unterbringung, Verpflegung und warme Bekleidung, ohne dass bei der Erschöpfung der Hilfsmittel das Notwendige geliefert werden konnte. Wenn trotzdem die Armee von Seuchen, die türkischen Truppen in früheren Kriegen häufig heimgesucht hatten, verschont blieb, so war das dem Sanitätsdienst und dem deutschen Armeearzt, Ernst Rodenwaldt, zu danken. Erfreulich war auch, dass sich inzwischen die Munitionserzeugung in Konstantinopel wesentlich verbessert hatte. Was dort nicht hergestellt werden konnte, brachten Anfang September in begrenzten Mengen deutsche Unterseeboote. Zudem erhöhte sich die Ausstattung mit schwerer Artillerie beträchtlich durch Abgabe aller an anderen Stellen verfügbaren Geschütze; vom Sommer ab waren auch für die Armee einige deutsche Flieger mit Kampffugzeugen eingetroffen13.
In dieser Zeit machten sich auch die ersten Anzeichen bemerkbar, dass der Angreifer sich an den Dardanellen mit Räumungsabsichten trug. Auffällig war, dass er seit Ende August keine größeren Angriffe mehr unternahm.
Obschon verschiedener Ansicht in der Frage, ob der Feind sich zum Abzug oder zu neuem Angriff entschließen werde, stimmten Heeresleitung und Armeeführer überein, dass der große Gegenangriff möglichst bald zu führen sei. Auch General von Falkenhayn bezeichnete, als er am 24. November in Orsova mit Enver Pascha zusammentraf, die Säuberung von Gallipoli als nächste und dringendste Aufgabe. Die Vorbereitungen hatte festere Formen angenommen, seit am 2. November die deutsche Heeresleitung wegen der erforderlichen Kampfmittel angefragt hatte. Technische Truppenteile und 20 schwere Batterien wurden neben erheblichen Munitionsmengen für die schon eingesetzte Artillerie angefordert und zugesagt. Auch die österreichisch-ungarische Heeresleitung stellte Unterstützung in Aussicht. Höhere Befehlshaber der Artillerie und Pioniere waren aus Deutschland schon vorausgeeilt, um sich mit den Besonderheiten des Kriegsschauplatzes vertraut zu machen. Mitte November und Anfang Dezember langten als erste zwei österreichisch-ungarische schwere Batterien an. Auch die ersten deutschen Munitionslieferungen begannen in Konstantinopel einzutreffen14. Noch aber mussten bei der schwierigen Verbindung durch Serbien Wochen vergehen, ehe alle angeforderten Formationen zur Stelle waren. Inzwischen wurden die besten Divisionen der türkischen 5. Armee nacheinander aus der Front gezogen, um für ihre neue Aufgabe besonders geschult zu werden. Alle Maßnahmen wurden getroffen, um beim ersten Anzeichen einer Räumung zum Angriff überzugehen. Tagsüber spielte sich in den vom Gegner besetzten Abschnitten das gewohnte Leben und Treiben ab; was aber in den langen Nächten geschah, entzog sich dem Auge der Beobachter.
7 Der Abzug des Gegners
Der ungünstige Verlauf der Kämpfe auf Gallipoli beschäftigte unausgesetzt die leitenden Stellen in England und Frankreich. Da das Unternehmen weit mehr Kräfte verzehrte, als man zunächst angenommen hatte, und damit auf Kosten der Kriegführung in Frankreich ging, hatten sich die Gegensätze wegen der Kräfteverteilung auf beiden Kriegsschauplätzen ergeben. Erschwerend kam hinzu, dass die englische Kriegführung in ihren Entscheidungen nicht frei war, sondern auf den französischen verbündeten weitgehende Rücksicht nehmen musste, dessen Auffassungen über die Zweckmäßigkeit von Kriegshandlungen im östlichen Mittelmeer aber mehrfach wechselten.
Seit Anfang August waren auf Gallipoli insgesamt 13 Divisionen eingesetzt, und seitdem hatte General Hamilton nahezu 100.000 Mann neu angefordert, die aber der englische Kriegsrat in Anbetracht der Gesamtlage nicht bewilligte. Lord Kitchener erwog bereits Ende August die Räumung des mit so schweren Opfern erstrittenen Bodens. Von einem französischen Vorschlage, mit sechs französischen Divisionen den entscheidenden Angriff auf der asiatischen Seite der Dardanellen vorzutragen, wurde bald wieder Abstand genommen da alle Kräfte für die neue Offensive in Frankreich selbst gebraucht wurden.
Als Frankreich Ende Oktober durchsetzte, dass der Gallipoli-Armee keine Verstärkungen mehr zufließen sollten, war damit das strategische Ziel des Dardanellen-Angriffs, die Inbesitznahme Konstantinopels, aufgegeben. Nur Räumung oder Behauptung des bisher Erreichten standen seitdem noch in Frage. Als sich die Engländer und Franzosen am 8. Dezember grundsätzlich zur Räumung entschlossen, wollten die Engländer ihre Stellung an der so wichtigen Seeverkehrsstrasse doch nicht ganz aufgeben; die den Eingang beherrschende und unter den Kanonen der Flotte liegende Südspitze wünschten sie auch weiterhin besetzt zu halten.
In der Nacht zum 20. Dezember wurde die Räumung der Anaforta- und Ariburnu-Front durchgeführt. Dichter Nebel, der in den ersten Morgenstunden einsetzte, kam den Engländern zustatten. Gut vorbereitet und durchgeführt, gelang der Abzug ohne Verluste.
Schärfer noch hielten die Türken seitdem den Gegner an der Südspitze unter Beobachtung. In den ersten Tagen des Jahres 1916 mehrten sich die Anzeichen, dass auch hier die Räumung bevorstehe. Für den 7. Januar ordnete General Liman von Sanders eine gewaltsame Erkundung an, die aber nur unvollkommen durchgeführt wurde; die artilleristische Gegenwehr am Lande zeigte sich erheblich schwächer als bisher, die Tätigkeit der Schiffsartillerie hatte dagegen zugenommen. Tatsächlich war die Räumung, zu der sich die Engländer am 27. Dezember doch noch entschlossen hatten, bereits in vollem Gange. In der Nacht zum 9. Januar schifften sie ihre letzten Truppen bei Sedd ul Bahr ein. Hindernisse und Artilleriefeuer von den Schiffen hielten die nachdrängenden Türken auf. Große Mengen an Gerät hatte der Gegner bei der ersten wie jetzt bei der zweiten Räumung zurückgelassen, darunter aber nur 16 meist veraltete und unbrauchbar gemachte Geschütze.
Mit dem Abzug der Engländer und Franzosen hörten die Dardanellen auf, Kriegschauplatz zu sein. Die für den Gegenangriff bestimmten deutschen Transporte wurden zurückgerufen.
8 Schlußbetrachtung
Das Dardanellen-Unternehmen hatte im Sommer und Herbst 1915 starke feindliche Kräfte gebunden und damit den Kämpfen an anderer Stelle, vor allem im Westen, ferngehalten, während die zur Abwehr ihnen entgegengestellten deutschen Kräfte zahlenmäßig überhaupt kaum ins Gewicht fielen. Die Türkei hatte die deutsche Westfront wesentlich entlastet. Fast eine halbe Million Soldaten, 410.000 Engländer und 79.000 Franzosen, hatte die Entente allein an Landstreitkräften nach und nach in Gallipoli eingesetzt. Auf mehr als 252.000 Mann waren im Laufe der acht Monate währenden Kämpfe ihre Gesamtverluste gestiegen, davon 142.000 Gefechtsverluste (115.000 Engländer und 27.000 Franzosen). Die Gefechtsverluste der Türken stellten sich nach ihren eigenen amtlichen Angaben mit etwa 165.000 Mann allerdings noch um einiges höher.
Die Räumung der Halbinsel Gallipoli beendete ein Unternehmen, das die Entente mit größten Erwartungen begonnen hatte. Das Ziel war gewesen, die Türkei niederzuringen, eine leistungsfähige Verbindung nach Russland herzustellen und die neutralen Balkan-Staaten als Bundesgenossen gegen die Mittelmächte zu gewinnen. Diese Gefahr abgewendet zu haben, ist das Verdienst der Dardanellen-Verteidiger.
Der Erfolg ist der türkischen Truppe zu danken, die ungeachtet größter Entbehrungen und trotz gewaltiger Überlegenheit des Gegners an Kampfmitteln in ihren Gräben bis zum letzten aushielt. Was die türkische Armee auf Gallipoli vollbracht hat, gehört unbestritten zu den Ruhmestaten des Krieges. Großen Anteil an dem Erfolg hat auch die zielsichere Führung des Generals Liman von Sanders. 500 deutsche Offiziere und Beamte, Unteroffiziere und Mannschaften haben ihn dabei an Land unterstützt, andere auf die Besatzungen der Festung und der Flotte verteilt, haben mitgewirkt. Unendlich schwer war die Aufgabe, vor die sich der deutsche General und türkische Marschall gestellt sah. Der Gegner hatte den Vorteil der Initiative und der Überraschung, die von ihm erstrebten Ziele lagen fast in Greifweite. Der Dardanellen-Verteidiger dagegen musste sich zum Kampfe stellen, wo immer es dem Feinde beliebte. Um jeden Fuß Boden musste er bis zum äußersten kämpfen, denn hinter den Meerengen lag ungeschützt das Herz des Reiches: Konstantinopel.
Groß war die Bedeutung des Dardanellen-Sieges für die weitere Entwicklung der Kriegslage im Nahen Orient und auf dem Balkan. Die erfolgreiche Abwehr der Türken trug dazu bei, dass die Balkan-Staaten die Gesamtlage in einem für die Mittelmächte günstigen Lichte sahen. Ohne die Behauptung der Dardanellen wäre Bulgarien kaum gewonnen worden, Griechenland und Rumänien wären vielleicht schon 1915 zum Feinde übergegangen. Andererseits war das Aufgeben des Dardanellen-Unternehmens seitens der Entente die Voraussetzung für deren stärkeres militärisches Eingreifen in Saloniki. Gleichzeitig wurden auch die Kräfte der Türkei wieder frei für andere Aufgaben. Da der Landweg zu den Mittelmächten inzwischen geöffnet war, konnte sie in verstärktem Maße darangehen, die englische und russische Stellung in Ägypten, Persien und Kaukasien zu bedrohen.
Die Frage, warum Liman von Sanders zum Befehlshaber der 5. Armee und damit zur Schlüsselperson der Verteidigung von Gallipoli ernannt worden war, kann einerseits aus einem innerstaatlichen Machtkampf in Konstantinopel und den großen deutschen Interessen erklärt werden.
Es wird überliefert, dass es bereits von Beginn zwischen Liman von Sanders und Enver Pascha kein gutes Einvernehmen herrschte. Liman von Sanders meinte, dass er als Militärberater des Sultans dem türkischen Kriegsminister und Oberbefehlshaber vorgesetzt wäre, wobei jedoch genau das Gegenteil der Fall war. Unter diesen Umständen wollte Enver Pascha offensichtlich Liman von Sanders "entfernen". Bevor der Krieg begann wollte die türkische Militärführung von Sanders offensichtlich zurück nach Deutschland entsenden und stattdessen von der Goltz einsetzen. Von der Goltz kam aber die Stellung von Sanders änderte sich nicht. Aus türkischer Sicht war von der Goltz geschickt worden, um von Sanders wegen seiner schwierigen Art abzulösen.
Der Wortlaut der Fatwa
Konstantinopel, 15. November. (W. B.)
Die Fatwa über den Krieg, die nach den Vorschriften des Islam in der Form von Frage und Antwort abgefaßt ist, hat folgenden Wortlaut:
Erste Frage: Wenn Länder des Islams Angriffen der Feinde preisgegeben sind, wenn dem Islam Gefahr droht, müssen dann jung und alt. Fußvolk und Reiter in allen von Mohammedanern bewohnten Teilen der Erde an dem Heiligen Krieg mit Gut und Blut teilnehmen, falls der Padischah allen Mohammedanern den Krieg erklärt? Antwort: Ja.
Zweite Frage: Da Rußland, England und Frankreich und andere Staaten, die diese drei Mächte unterstützen, gegen das islamitische Kalifat, das ottomanische Reich, durch ihre Kriegsschiffe und Landtruppen die Feindseligkeiten eröffnet haben, ist es nötig, daß auch die Mohammed
Deutsche Offiziere, die 1915 in türkischen Führungspositionen standen oder
zur Unterstützung eingesetzt waren
(sehr unvollständig)
General der Kavallerie (türkischer Marschall)
Liman von Sanders (auch von Liman)
Leiter der deutschen Militärmission; Befehlshaber 1. später 5. Armee
Generalfeldmarschall (Pascha) Freiherr von der Goltz
Befehlshaber der 1. später 6. Armee
Konteradmiral Souchon
Befehlshaber der türkischen Flotte
Admiral von Usedom
Befehlshaber der Meerengen der Dardanellen
Admiral Merten
Oberbefehlshaber der Wasserstrassen
Generalmajor Bronsart von Schellendorf
Chef des türkischen Generalstabes
Generalmajor Weber
Befehlshaber asiatische Seite
Oberst Pötrih
Kommandeur 9. Division
Oberst Havik
Kommandeur 13. Division
Brigadegeneral Trommer
Kommandeur XIV. Korps
Oberstleutnant von Sodenstern
Kommandeur Südgruppe
Kapitänleutnant Firle
Kommandant türkisches Torpedoboot
Kapitän zur See Pieper
Chef Waffeninspektion Konstantinopel
Oberstleutnant Hans Kannengiesser
Kommandeur 9. Division
Major Willmer
Kommandant Küstenschutzgruppe Suvla-Bucht
Oberstabsarzt Ernst Rodenwaldt
Armeearzt 5. Armee
Leutnant Hans-Joachim Büddecke
Staffelkapitän deutsche Flugzeugstaffel
Oberst Wehrle
Kommandeur 8. Küstenschutz-Artillerie-Regiment
Hauptmann Wilhelmi
Kommandeur eines schweren Artilleriebataillons
Kapitänleutnant Hersing
Kommandant U 21
Generalmajor Fritz Bronsart von Schellendorf -- Bronsart Paşa
Gewiß war mit Enver Pascha auch der Kriegsminister ein Türke. Aber faktischer Herr über die Truppen war - als Chef des Generalstabs des ottomanischen Feldheeres von 1914 bis 1917 - Generalmajor Fritz Bronsart von Schellendorf. Als Mitglied der deutschen Militärmission und preußischer Offizier unterstand er direkt dem Kaiserreich. Er war es, der am 25. Juli 1915 die Deportation der noch verbliebenen und längst entwaffneten Armenier aus den östlichen Provinzen der Türkei befahl und damit die Todesmärsche in die syrische Wüste mit zu verantworten hat.
Selbst nach dem Kriege hat der - überdies antisemitische - General die armenischen Opfer „als blutsaugende Parasiten" diffamiert, die hassenswerter als „die schlimmsten Juden" seien.
Lebenslauf General Liman von Sanders
Otto Liman von Sanders (1855-1929), ein deutscher Offizier, war verantwortlich für Erneuerung der Ottomanischen Armee in den Monaten vor Ausbruch des Esten Weltkrieges.
Geboren am 17. Februar 1855 in Stolp, Pommern, begann Liman seine militärische Laufbahn 1874. Bis zur Beförderung zum Generalleutnant bekleidete der unpopuläre Liman zahlreiche Dienstposten in Stabs- und Divisionsverwendungen bis er 1913 zum Leiter der Deutschen Militärmission in der Türkei beordert wurde und damit verantwortlich für die Unterstützung der Neuorganisaton der Ottomanischen Armee wurde.
Limans Ernennung brachte einen Sturm des Protestes aus Russland, das den wachsenden deutschen Einfluss auf die ottomanische Hauptstadt fürchtete. Daraufhin wurde ein Kompromiss gefunden, indem Liman 1914 zu dem weniger bedeutenden und damit weniger einflussreichen Posten eines Generalinspekteurs ernannt wurde.
In den Monaten vor dem Ausbruch des Krieges im August 1914 arbeitete Liman daran die Kampfkraft der türkischen Armee zu verbessern. Er fühlte sich jedoch stets unwohl in der doppelten Rolle des Soldaten und Diplomaten. Sein Einfluss auf die türkische Politik war jedoch stark begrenzt, da sein Drang, deutsche Interessen bei jeder Gelegenheit geltend zu machen, stark ausgeprägt war. Als ein Beispiel für seine diese Interessen ist der Versuch zu werten, bereits kurz nach seiner Ankunft die türkische Regierung zu einer militärischen Allianz mit den Mittelmächten zu drängen. Sein Misslingen die türkische Beteiligung bereits kurz nach Kriegsbeginn zu erreichen enttäuschte nicht nur ihn, sondern auch die deutsche Regierung.
Im August 1914 akzeptierte er das Kommando über die Erste türkische Armee am Bosporus. Im folgenden März wurde ihm die Fünfte Armee bei Gallipoli unterstellt und ihm wird größtenteils die erfolgreiche Verteidigung gegen die alliierten Landung unter Sir Ian Hamilton zugeschrieben.
Trotz seiner verbreiteten Popularität in Deutschland änderte Liman's Erfolg nur kaum seinen Einfluss in der Türkei. Er war nicht erfolgreich das Massaker an den Armeniern zu verhindern oder den Kriegsminister Enver Pascha dazu zu bewegen die militärischen Operationen im Kaukasus 1916 zu beenden.
Im Februar 1918 war Liman Befehlshaber einer türkisch-deutschen Streitmacht an der Palästinafront. Er wurde jedoch von den wesentlich größeren britischen Kräften unter Edmund Allenby bei Schlacht von Megiddo im September 1918 überrannt und entging nur knapp der Gefangennahme.
Nach dem Waffenstillstand kehrte Liman zurück nach Konstantinopel und überwachte die Rückführung der deutschen Kräfte. Er wurde kurz durch die Engländer im Februar 1919 gefangengenommen, wegen angeblicher Kriegsverbrechen angeklagt aber im August wieder freigelassen. Er erklärte daraufhin seine Zuruhesetzung.
Er starb am 22. August 1929 in München im Alter von 74 Jahren.
Lebenslauf Generalfeldmarschall Colmar von der Goltz
Chef des Ingenieur- und Pionierkorps und Generalinspekteur der Festungen
Wilhelm Leopold Colmar Freiherr von der Goltz wurde am 12. August 1843 als zweiter Sohn eines verarmten Gutsbesitzers und vormaligen Offiziers geboren.
Bevor er die Kadettenhäuser in Kulm und Berlin besuchte, hatte er die Burg-Realschule in Königsberg besucht.
Mit 17 erhielt er das Leutnantspatent.
Der junge Offizier war kein bequemer Geist, trotzdem wurde er 1864 zur Kriegsakademie berufen. Als er 1866 bei Trautenau an der linken Schulter schwer verwundet wurde, kam er ins Privatlazarett der Tochter Bettina von Arnims. Nach der Genesung setzte er die Studien auf der Kriegsakademie bis 1867 fort und kam als Jahrgangsbester in den Großen Generalstab. Den deutsch-französischen Krieg erlebte der Generalstabsoffizier an vorderster Front.
Als Hauptmann wurde er Lehrer an der Kriegsschule Potsdam. Er schrieb u. a. ein Buch über die Operationen der 2. Armee in Frankreich, aber auch die heute noch lesenswerten Bücher "Roßbach und Jena" und "Das Volk in Waffen".
Unbequem blieb der Offizier, der inzwischen zum Major befördert worden war. 1883 schob man den Offizier in die Türkei ab. 1895 kehrte er als kaiserlich-osmanischer Marschall in die Heimat zurück und übernahm als Generalleutnant das Kommando über die 5. Division in Frankfurt/Oder. 1898 wurde von der Goltz zum Chef des Ingenieur- und Pionierkorps und Generalinspekteur der Festungen ernannt.
Er baute die fällige Verstärkung der Pioniertruppe auf und schuf aus uniformierten Handwerkern den Kampfpionier. 1900 legte er eine Denkschrift vor, in der er den Waffengang mit England als kaum vermeidbar voraussetzte und stellte die Forderung, Armee und Marine taktisch und materiell auf Landungsoperationen an freier Küste vorzubereiten.
Doch der Mahner wurde angefeindet und schließlich als Kommandierender General des I. Armeekorps in die Provinz Ostpreußen abgeschoben. Es hätte nicht viel gefehlt, und er wäre Schlieffens Nachfolger an der Spitze des Generalstabs geworden. Stattdessen wurde er zum Generalinspekteur der 6. Armee-Inspektion in Königsberg berufen und war gleichzeitig Oberbefehlshaber der in Ostpreußen stehenden Truppen im Kriegsfall.
Am 19. Dezember trifft von der Goltz in Istanbul ein. Seine Mission ist ihm zunächst unklar und es heißt, dass er einerseits, dass er alle in der Türkei befindlichen deutschen Truppen kommandieren soll und andererseits, dass er zwischen dem deutschen Botschafter und dem Chef der deutschen Militärmission Streit schlichten sollen. Schließlich wurde ihm das Oberkommando der 1. Armee angeboten.15
Danach übernahm er im Oktober 1915 das Kommando über die 6. Armee im Irak.
Von der Goltz starb als Generalfeldmarschall am 19. April 1916 an Flecktyphus in Bagdad.
----------------------------. Das Heer zählte 13 Korps und 2 selbständige Divisionen, die aber nach Zusammensetzung und Kampfwert recht verschieden und an Gefechtsstärke erheblich schwächer als gleiche deutsche Verbände waren. Sechs der am besten ausgebildeten und ausgerüsteten Korps wurden in Stärke von rund 200 000 Mann bei Konstantinopel versammelt. Aus ihnen wurden die 1. und 2. Armee gebildet, erstere unter dem Befehl des deutschen Generals Liman von Sanders, die letztere unter dem Befehl von General Djemal Pascha. Beiden Armeen oblag der Schutz der Hauptstadt gegen Landungen auf den Dardanellen und am Bosporus, aber auch gegen einen etwaigen Angriff Bulgariens.
Die schwierige Lage im Westen und Osten veranlasste die Mittelmächte um Mitte September 1914 auf baldiges Losschlagen der Türkei zu drängen. Deren Rüstungen, vor allem die Verteidigungsanlagen an Dardanellen und Bosporus, waren soweit fortgeschritten, dass Enver Pascha glaubte, den Eintritt in den Krieg verantworten zu können. Ende September wurden die Dardanellen für jeden Schiffsverkehr gesperrt, nachdem ein auslaufendes türkisches Torpedoboot vor den Meerengen durch ein englisches Kriegsschiff angehalten worden war. Erst Ende Oktober fühlte sich Enver Pascha stark genug, der unter dem deutschen Konteradmiral Souchon ins Schwarze Meer auslaufenden Flotte die Eröffnung der Feindseligkeiten gegen Russland zu befehlen.
Der Zusammenstoss mit russischen Seestreitkräften und die Beschießung russischer Küstenplätze am 29. Oktober stellen das Kabinett vor vollzogene Tatsachen. Diesem Beginn der Feindseligkeiten und dem Abbruch der russisch-türkischen Beziehungen folgten in den ersten Novembertagen die Kriegserklärungen Englands und Frankreichs. Am 15. November wurde in Konstantinopel der "Heilige Krieg" ausgerufen2.
2 Der Kampf um die Dardanellen
Die Dardanellen mit einer Länge von etwa 66 km öffnen den Zugang zur Konstantinopel und waren am Westausgang befestigt. An der Einfahrt, bei Sedd ul Bahr auf dem europäischen und bei Kum Kale auf dem asiatischen Ufer, lagen Außenwerke. Sie hatten, abgesehen von zwei modernen, weittragenden langen 24 cm Kanonen, nur geringen militärischen Wert. Das Hauptwiderstandszentrum, die Festung genannt, befand sich beiderseits der Fahrstrasse bei Tschanak. Hier standen rund 80 schwere Flachfeuergeschütze, davon fünf 35,5 cm, die mit Schussweiten von fast 17000 Metern den Feuerkampf auf weite Entfernungen führen konnten. Dazu kamen als bewegliche schwere Artillerie sechs 15 cm Haubitz-Batterien unter deutschem Befehl. Die übrigen Geschütze und die Anlagen selbst waren größtenteils veraltet, die Munitionsausstattung besonders der schwersten Kaliber knapp. Gegen Beschießung von rückwärts oder vom Lande aus waren Batterien und Werke wehrlos. Die artilleristische Verteidigung wurde durch Minensperren ergänzt. Oberbefehlshaber der Meerengen war der deutsche Admiral von Usedom, Flottenchef Konteradmiral Souchon, der die Verteidigung nach Kräften unterstützte. Deutsche Matrosenartilleristen bedienten zusammen mit Türken die wichtigsten Geschütze.
3 Die Ereignisse bis Ende April 1915 - Der Flottenangriff
Am 19. Februar 1915 beschoss die vor den Dardanellen liegende englisch-französische Flotte zum erstenmal wieder die am Eingang gelegenen Festungen und setzte diese Beschießung in den nächsten Tagen und Wochen fort. Die Außenwerke waren bald zerstört und mussten aufgegeben werden. Die dann einsetzende Bekämpfung der inneren Verteidigungswerke machte dagegen nur geringe Fortschritte. Die Flotte musste hierzu in die Dardanellen selbst einlaufen und büßte damit an Bewegungsfreiheit ein. Zur Gegenwehr der Festung und zur Minengefahr trat für die Angreifer noch die Bedrohung durch die beweglichen 15 cm Haubitz-Batterien; die Schiffe waren gezwungen, in schneller Bewegung zu bleiben, worunter wieder ihre Treffsicherheit litt. So glückte ihnen weder das Niederkämpfen der türkischen Batterien noch die Beseitigung der zahlreichen Minensperren.
Es war daher ein gewagtes Unternehmen, als die englisch-französische Flotte am 18. März zu dem entscheidenden Durchbruchsversuch ansetzte. 16 meist ältere Linienschiffe und eine große Anzahl anderer Kriegsfahrzeuge unter dem englischen Vizeadmiral de Robeck liefen in die Dardanellen ein und überschütteten, in Höhe von Erenköj Kreise fahrend, die Batterien mit einem Geschosshagel. Das Ergebnis war ein ausgesprochener Misserfolg. Schwere Schiffsverluste waren vornehmlich durch Minen eingetreten, drei Panzerkreuzer gesunken, drei andere schwer beschädigt. Der Verteidiger hatte nur geringe Verluste, Sorge machte nur der stark zusammengeschmolzene Munitionsbestand. Der Oberbefehlshaber der Meerengen-Front, Admiral von Usedom, hatte die moderne Munition der Bosporus-Batterien nach den Dardanellen überführen lassen, während auch Munition aus den Beständen der Flotte für die an den Meerengen stehenden Kaliber umgearbeitet wurde. Minen wurden aus Trapezunt und Smyrna, obwohl dort selbst schwer entbehrlich, herangezogen. Allen Schwierigkeiten zum Trotz war man an die Herstellung von Artilleriemunition, selbst für die schweren Kaliber, gegangen. Hilfslieferungen aus Deutschland waren kurzfristig wegen unterbrochener Verbindungen nicht zu erwarten. Was die Türkei dagegen im Falle einer Auffüllung ihrer Kriegsrüstung durch die deutsche Waffenindustrie würde leisten können, schilderte Enver Pascha3 in einem Schreiben an General von Falkenhayn vom 23. März in lebhaften Farben.
Seitdem hielt sich die englisch-französische Flotte zurück. Aus dem gescheiterten Durchbruchsversuch zog der englische Kriegsrat die Folgerung, dass nunmehr die Dardanellen durch einen Landangriff bezwungen werden sollten. Unter dem Befehl des englischen Generals Sir Jan Hamilton wurde ein englisch-französisches Expeditionskorps von fünf Divisionen mit insgesamt 75 000 Mann gebildet. Seine Bereitstellung im östlichen Mittelmeer nahm indessen soviel Zeit in Anspruch, dass es erst Ende April, fast fünf Wochen nach dem Flottenangriff, an den Dardanellen kampfbereit war.
Die türkische Heeresleitung war daher in der Lage, Gegenmaßnahmen zu treffen. Bereits am 24. März hatte Enver Pascha die Bildung einer neuen 5. Armee an den Dardanellen verfügt; Oberbefehlshaber wurde General Liman von Sanders, der bisherige Führer der 1. Armee, die auch die Masse der Truppen stellte. Die Gesamtstärke der sechs Divisionen starken neuen Armee betrug nach türkischen Angaben rund 80 000 Mann4. Schwere Artillerie, Flugzeuge und andere Sonderformationen fehlten zunächst ganz. Zum Schutze der Hauptstadt standen auch weiterhin die durch Neubildung aufgefüllte 1. Armee, seit Mitte April unter Generalfeldmarschall Freiherrn von der Goltz, und die 2. Armee bei Konstantinopel und in Thrazien bereit.
Die Aufgabe der 5. Armee, Landungen an den Dardanellen zu verhindern, war schwer. Landungsmöglichkeiten bestanden an vielen Stellen auf dem europäischen wie asiatischen Ufer. Abwehrmaßnahmen gegen Landungen waren außer in der Dardanellen Strasse selbst nur an wenigen Stellen getroffen. Die asiatische Küste war, abgesehen von örtlichen Sicherungen der Festung, ohne jede Befestigungsanlage. Die Halbinsel Gallipoli hatte nur auf der Landenge von Bulair einige veraltete Erdschanzen zum Schutze gegen einen aus Thrazien angreifenden Gegner. An der ausgedehnten Nordwestseite der Halbinsel machte an einigen Stellen das Steilufer Landungen unmöglich, an anderen, wo die Strandverhältnisse günstig lagen, erschwerten in geringer Entfernung von der Küste schroff aufsteigende und schwer zugängliche Höhenzüge schnelles Vorwärtskommen des Angreifers. Die geringsten Geländeschwierigkeiten bot ihm der südliche Teil der Halbinsel. Hier hatte auch die feindliche Flotte günstige Gelegenheit, durch Feuer zu unterstützen. Der Besitz der höchsten Erhebungen entschied bei der Schmalheit der Halbinsel über deren Schicksal und damit über das der Dardanellen, denn sie beherrschten das zum Meer abfallende Gelände und gewährten an vielen Stellen auch Einblick auf die Meerenge selbst und ihre Verteidigung.
An den Dardanellen-Kämpfen war deutsche Kräfte unmittelbar beteiligt. Die Zahl war zwar zunächst gering und stieg erst allmählich, aber die wenigen Deutschen befanden sich meist an hervortretenden Stellen. Vor allem lag die Armeeführung in der Hand des deutschen Generals Liman von Sanders. Andere deutsche Offiziere standen an der Spitze von Korps und Divisionen oder arbeiteten in der Verwaltung, wieder andere waren auf dem Generalstab, die höheren Stäbe und die Artillerie verteilt oder als Flieger tätig. Deutsche Pioniere und Maschinengewehrschützen standen in vorderster Linie der Kampffronten. Bestes Einvernehmen herrschte zwischen den Deutschen und den Türken.
Die Dardanellen-Verteidigung beabsichtigte General Liman von Sanders aktiv zu führen. Diese Taktik wurde zunächst von der türkischen Seite abgelehnt, da man vor dem Eintreffen Liman von Sanders eine weit vorne vorbereitete Verteidigung geplant hatte. Notgedrungen hatte man sich dann jedoch den deutschen Plänen gefügt5. Im Küstenschutz, für den Befestigungen und Hindernisse angelegt wurden, beließ er nur schwache Abteilungen, das Gros der Kräfte hielt er im Hintergelände zum Gegenstoß bereit. Vier Divisionen standen auf der Halbinsel Gallipoli, je zwei im südlichen Teil und im Raume Bulair, die verstärkte 1. Kavallerie-Brigade am Nordufer des Golfes von Saros. Zwei Divisionen schützten die asiatische Seite. Der Armeeführer nahm seinen Sitz in der Stadt Gallipoli. Er war damit der Enge von Bulair nahe, deren Festhalten für das Schicksal der Dardanellen entscheidend sein musste. Fiel Bulair, so war die Landverbindung nach Konstantinopel abgeschnitten und die Zufuhr über See in Frage gestellt.
Voraussetzung für die gewählte Truppenaufstellung war Schnelligkeit des Einsatzes. Umfangreiche Wegeverbindungen mussten durch Arbeiterbataillone neugeschaffen und Übersetzgerät bereitgestellt werden, um die Truppen rasch von einem zum anderen Dardanellenufer überführen zu können. Das Nachrichten- und Meldewesen bedurfte der Verbesserung und Vervollständigung; wie überall, so fehlte es auch hier an Gerät. Marschgewöhnung der Truppe, die durch die bisherige örtliche Gebundenheit ihre Beweglichkeit eingebüßt hatte, ging Hand in Hand mit ihrer Schulung für Gegenangriff und Nachtgefecht. Die verhältnismäßige Ruhe, die nach dem Flottenangriff bis gegen Ende April anhielt, kam daher dem Armeeführer sehr gelegen6.
4 Die Landungen Ende April
Am frühen Morgen des 25. April kündete starker Kanonendonner wichtige Ereignisse an. Besonders vernehmbar dröhnte er von den nur einige Kilometer von der Stadt Gallipoli entfernten Höhen von Bulair herüber. Bald liefen Meldungen von allen Seiten über Landungen und Landungsabsichten des Feindes ein. Nach Alarmierung der bei Gallipoli und östlich von Bulair befindlichen beiden Divisionen begab sich General Liman von Sanders auf die Stadt vorgelagerten Höhen, um sich über die Lage bei Bulair persönlich zu unterrichten. Mehrere Kriegsschiffe feuerten vom Golf von Saros her fast unausgesetzt auf die Küste und die befestigten Höhen. Elf große Dampfer, vermutlich mit Truppen an Bord, lagen weiter zurück. Anstalten zum Ausbooten waren zunächst nicht erkennbar. An vielen Stellen waren Landungsvorbereitungen gemeldet worden, so dass der Schwerpunkt noch nicht erkennbar war. An der asiatischen Seite ankerte seit dem frühesten Morgen ein Geschwader in der Besika-Bucht. Unter dem Feuer der Kriegsschiffe schienen hier Transportdampfer Vorbereitungen zum Landen zu treffen. Weiter nördlich lag schweres Schiffsfeuer auf den schon früher zusammengeschossenen Werken von Kum Kale und ihrem Hinterland. Am europäischen Ufer war der Feind an der Südspitze bei Sedd ul Bahr, nach heftiger Kanonade an verschiedenen Punkten zu Landungen geschritten; der türkische Widerstand hielt hier an. Aber auch nördlich Kaba Tepe, bei Ariburnu, hatte der Gegner auf den vom Ufer unmittelbar ansteigenden Höhen Fuß gefasst. Hier war er ohne Artilleriefeuer unter dem Schutze der Dunkelheit überraschend herangekommen; türkischen Gegenangriffe hatten eingesetzt.
Diese Meldungen und persönliche Wahrnehmungen befreiten den Armeeführer nicht von der Sorge, dass der Hauptangriff des Gegners doch noch bei Bulair stattfinden könnte. Die Landungen im südlichen Teil der Halbinsel bestimmten ihn, dem Kommandierenden General des III. Korps, General Essad Pascha, die Kampfleitung daselbst zu übertragen. Auf dem asiatischen Ufer führte der deutsche Generalmajor Weber den Befehl. Hier hatten, wie sich ergab, französische Truppen bei Kum Kale Fuß gefasst, während die Bewegungen des Feindes in der Besika-Bucht sich als Täuschungsversuch herausgestellt hatten. General Liman von Sanders selbst, der den ganzen Tag auf den Höhen von Bulair verblieb, kam mehr und mehr zu der Auffassung, dass es sich hier nur um Täuschungsunternehmungen handelte. Als der Gegner bis zum Abend nicht zu Landungen geschritten war, dagegen Essad Pascha dringlich Verstärkungen für die in schwerem Kampfe stehenden Truppen im Südteil der Halbinsel anforderte, glaubte er die Abgabe von Teilen der bei Bulair bereitgehaltenen Divisionen verantworten zu können. Er selbst blieb aber auch nach Einbruch der Dunkelheit noch auf den dortigen Höhen.
Am 26. April befahl General Liman von Sanders den staffelweisen Abtransport der bei Bulair stehenden Kräfte in den südlichen Teil der Halbinsel und begab sich selbst dorthin zum Gefechtstand des Generals Essad Pascha, knapp fünf Kilometer hinter der Kampffront von Ariburnu. Das Ziel, den Feind wieder ins Meer zu werfen, bevor er sich festgesetzt hatte, war an keiner Stelle erreicht. Türkische Gegenangriffe unter Leitung des Oberstleutnants Mustafa Kemal Bey hatten zwar dem Vordringen der bei Ariburnu gelandeten Australier und Neuseeländer Halt geboten. Der beherrschende Höhenzug des Sari Bair, dessen Besetzung einen Teil der Meerengen-Werke der feindlichen Sicht ausgeliefert hätte, war fest in türkischer Hand. Aber noch klammerte sich der Gegner an die unmittelbar vom Meer aufsteigenden Hänge und begann sich einzugraben. Die Gegenangriffe hatten viel Blut gekostet. Das Feuer der Schiffsartillerie, die nicht nur die seewärts gelegenen Hänge abstreute, sondern auch das Hintergelände, in dem die türkischen Reserven vorgeführt werden mussten, hatte die Truppe stark mitgenommen. Schwieriger war die Lage an der Südspitze. Zwei türkische Bataillone, die hier gegen starke Übermacht7 im Kampfe standen, hatten mehr noch als von dem landenden Gegner von der feindlichen Flotte auszuhalten, die mit schweren und schwersten Kalibern die türkischen Stellungen fast unausgesetzt unter Feuer hielt. Wegen ihrer bedrängten Lage war der größere Teil der in der nacht von Bulair eingetroffenen Verstärkungen dem Gefechtsfeld an der Südspitze zugeführt worden.
Auf dem asiatischen Ufer der Dardanellen gingen bei Kum Kale heftige Kämpfe weiter. War die Lage hier auch noch nicht ausreichend geklärt, so sprachen doch viele Anzeichen dafür, dass der Feind den Schwerpunkt seines Angriffs auf die europäische Seite, und zwar auf den südlichen Teil der Halbinsel Gallipoli, zu legen gedachte. Von den sechs Divisionen der 5. Armee waren vier in diese Kämpfe verwickelt, da Eintreffen ihrer letzten Teile war in der Nacht zum 28. April zu erwarten. Von den beiden in Asien stehenden Divisionen Kräfte herüberzuziehen, erschien nicht ratsam, bevor die Kämpfe daselbst zum siegreichen Abschluss gekommen waren. Die schon am 25. April sofort nach der Landung von der Heeresleitung erbetenen Verstärkungen konnten erst in den letzten Apriltagen eintreffen. So blieb die 5. Armee zunächst auf ihre eigene Kraft angewiesen, deren Begrenztheit starke Gegenangriffe ausschloss.
Schon am zweiten Kampftage stellte es sich als notwendig heraus, die beiden räumlich getrennten Kampfzonen auf Gallipoli gesondertem Befehl zu unterstellen. Gegenüber Ariburnu behielt Essad Pascha die Führung über die später als Nordgruppe bezeichneten Teile. Die an der Südspitze kämpfenden Truppe, später Südgruppe, wurde dem deutschen Oberstleutnant von Sodenstern unterstellt. Die entscheidende Frage war, ob die geschwächten Truppen, die seit dem frühen Morgen des 25. April ohne Ablösung den stärksten körperlichen und seelischen Beanspruchungen ausgesetzt waren, sich bis zum Eintreffen der Verstärkungen würden halten können.
Doch auch der Gegner war offenbar erschöpft; seine schon durch die Überfahrt angestrengten Truppen begnügten sich mit dem errungenen schmalen Küstenstreifen. Erst am 28. April machten sie an der Südspitze einen neuen starken Angriff, der den Besitz des Dorfes Kirthe bringen sollte. Er schlug fehl. Bei Ariburnu hielt sich der Feind zurück. Inzwischen hatten auf dem asiatischen Ufer in der Nacht zum 27. April die Franzosen Kum Kale wieder geräumt und den rechten Flügel bei Sedd ul Bahr verstärkt. General Liman von Sanders konnte daher den größeren Teil der dort stehenden beider Divisionen nach Gallipoli abrufen.
Der Armeeführer beschloss, sich zuerst dem Feind an der Südspitze zuzuwenden, wo der türkische Widerstand so geschwächt zu sein schien, dass rasches Vordringen des Gegners gegen die Festung zu befürchten war. Um die Wirkung der feindlichen Schiffsartillerie in dem offenen Gelände auszuschalten, sollten die Türken den Feind durch Nachtangriff ins Meer werfen. In der Nacht zum 2. Mai stürmten etwa 21 türkische Bataillone gegen die englischen und französischen Linien bei Sedd ul Bahr mit größter Tapferkeit an. Doch die Erfolge, die beim ersten Angriff gegen den linken französischen Flügel und die englische Mitte erreicht wurden, ließen sich nicht halten. Bei Tagesanbruch sahen sich die teilweise zusammengeballten türkischen Massen on offenem Gelände verheerenden Feuer vom Lande und von See ausgesetzt. Unter schwersten Verlusten mussten sie in ihre Ausgangsstellungen westlich und südwestlich des Dorfes Kirthe zurückgehen. In der Nacht zum 4. Mai vergeblich wiederholte Angriffe kosteten weitere blutige Opfer; die Truppen waren am Ende ihrer Kraft.
General Liman von Sanders musste auf die Fortführung der Versuche verzichten, den Gegner ins Meer zu werfen. Da aber auch dieser durch die ununterbrochenen Tag- und Nachtkämpfe auf das äußerste erschöpft war, gewannen die Dardanellen-Verteidiger Zeit, sich zur Abwehr einzurichten und neue Kräfte heranzubringen. Erst am 6. Mai griff der Feind an der Südspitze, wo inzwischen Generalmajor Weber den Befehl übernommen hatte, von neuem mit starker Kraft an und setzte den Angriff in den beiden folgenden Tagen fort. Das Ergebnis war trotz schwerster Opfer für die Engländer nur geringer Bodengewinn, der an keiner Stelle über 600 Meter hinausging; unerreicht wie am ersten Tage lag vor ihnen das Massiv des Eltschi Tepe. Auch Australier und Neuseeländer hatten den Versuch, ihre Linien bei Ariburnu weiter vorzuschieben, unter schwersten Verlusten aufgeben müssen.
Die feindlichen Absichten waren damit zunächst gescheitert. General Hamilton hatte das Schwergewicht der Landungen auf den südlichen Teil der Halbinsel und hier wieder auf deren Südspitze gelegt, weil schnelles Vordringen in diesem offenen, von drei Seiten durch die Flotte umfassten am ehesten erreichbar schien. Aber weder die Landungen bei Ariburnu noch die Demonstrationen bei Kum Kale, in der Besika-Bucht und vor Bulair hatten die Türken abgehalten, gegenüber Sedd ul Bahr kräftigsten Widerstand zu leisten. Übermüdung der gelandeten Truppen, Munitionsmangel und ungenügendes Zusammenwirken untereinander und mit der Flotte waren dem Vordringen in den ersten Tagen hinderlich gewesen.
5 Der Stellungskampf vom Mai bis Anfang August
Beiderseitige Erschöpfung führte zum Stellungskampf. Anders als an Fronten mit großer Tiefenausdehnung musste die Verteidigung auf Gallipoli jeden Fuß Bodens festhalten, da die Ziele, um die es ging, dicht hinter den Stellungen lagen. Bei Sedd ul Bahr trennten den Gegner knapp 20, bei Ariburnu nur sieben Kilometer von den Hauptforts der Dardanellen-Festung. Um seine gewaltige artilleristische Überlegenheit, die sich auf die Unterstützung der ganzen Flotte gründete, nicht zur vollen Wirkung kommen zu lassen, suchten die Türken ihre vordersten Gräben so dicht wie möglich an die feindlichen Linien zu legen. Die Besetzung musste stark bemessen werden, denn schnelles Vorführen von Reserven war, da das rückwärtige Gelände im feindlichen Artilleriefeuer lag, kaum möglich. Im Laufe des Mai und der folgenden Monate setzte der Feind an der Südspitze nach Verstärkung durch drei weitere Divisionen8 immer wieder zu neuen Angriffen unter starker artilleristischer Vorbereitung an. Ende Juli, nach drei Monate dauernden verlustreichen Kämpfen, lagen die englisch-französischen Gräben hier nur etwa einen Kilometer weiter vorwärts als kurz nach der Landung.
Im Laufe der Monate machte der Ausbau der Stellungen große Fortschritte. An einigen Stellen lagen sich die Gräben so nahe gegenüber, dass sich ein heftiger unterirdischer Minenkrieg entwickelte. Wertvolle Unterstützung leistete dabei eine zusammengestellte deutsche Pionier-Kompanie, deren Angehörige im Juni als Einzelreisende die neutralen Balkan-Länder durchquert hatten. Ursprünglich 200 Mann stark, hatte die Kompanie erschreckende Ausfälle durch Klima und ungewohnte türkische Verpflegung. Im Durchschnitt waren nur einige 40 Mann verfügbar, die zur Unterweisung der Türken im Minenkrieg auf die Fronten verteilt wurden.
In ihrem schweren Kampfe wurde die 5. Armee von der Festung und der Flotte nach Kräften unterstützt. Die Festung unter Admiral von Usedom nahm vor allem vom asiatischen Ufer her den feindlichen rechten Flügel wie auch die Landestellen bei Sedd ul Bahr unter wirkungsvolles Feuer. Schwere Munition wurden unmittelbar an die Armee abgegeben, die Flieger in ihren Dienst gestellt. Von der Flotte ließ Konteradmiral Souchon zwei deutsche Maschinengewehr-Abteilungen landen, ein willkommener Zuwachs für die damit nicht reichlich ausgestatteten türkischen Truppen; auch gab er schwere Geschütze und Munition ab. Wie schon im Februar und März ließ er feindliche Schiffe vor Ariburnu unter indirektes Feuer nehmen. Am 13. Mai brachte ein türkisches Torpedoboot unter dem deutschen Kapitänleutnant Firle das englische Linienschiff "Goliath" in den Dardanellen zum Sinken. Wenige Tage später traf das deutsche Unterseeboot 21 unter Kapitänleutnant Hersing vor den Dardanellen ein und torpedierte die englischen Linienschiffe "Triumph" und "Majestic".
Furcht vor weiteren Einbußen zwang die feindliche Flotte für einige Wochen in die gesicherten Häfen von Lemnos und Imbros zurück. Bereits Ende Juni setzten allerdings Abwehrmittel gegen Unterseeboote die feindliche Flotte instand, die Landkämpfe von neuem zu unterstützen. Flachgehende, mit schwerstem Kaliber ausgestattete Monitore leisteten hierbei besondere Dienste. Den an Zahl bald vermehrten deutschen Unterseebooten fielen seitdem nur noch Transportschiffe zur Beute.
Mit berechtigter Sorge verfolgten die türkische Heeresleitung und der Führer an den Dardanellen den sich hinziehenden Stellungskrieg. Die Opfer, die er auferlegte, waren für das türkische Heer schwerer zu tragen als für den Feind, denn die Wehrkraft des Landes war nicht unbegrenzt. Seit Beginn der Kämpfe hatten den Dardanellen infolge der hohen Verluste immer neue Divisionen zugeführt werden müssen. In der ersten Julihälfte wurde sogar die vier Divisionen zählende 2. Armee unter General Wehib Pascha, die in Thrazien zur Verwendung auf dem Balkan bereitstand, dem General Liman von Sanders unterstellt, um abgekämpfte Divisionen der Südgruppe abzulösen. Gleichwohl kam die 5. Armee auf nicht mehr als 110 000 Mann Kampftruppen. Ihre Wiederauffüllung machte wachsende Schwierigkeiten; es fehlte an Führern und Unterführern, der Ersatz hatte nur überstürzte, unvollständige Ausbildung erhalten. Der Kampfwert musste daher in zunehmenden Maße sinken.
Die verlustreichen Kämpfe stießen nicht nur auf Kritik seitens der türkischen Führung , sondern auch durch Generalfeldmarschall von der Goltz, dem Befehlshaber der 1. Armee.
Eines Tages erklärte der Feldmarschall, dass der "Knabenmord von Ypern hier nicht wiederholt werden darf", und setzte ein Schreiben mit der Mahnung auf, dass Infantrieangriffe durch die Artillerie gut vorbereitet werden müssten. Dieses Schreiben wurde dem Marschall Liman von Sanders zugestellt, worauf beim Generalhauptquartier in Istanbul ein Fernschreiben eintraf, mit welchem sich Liman von Sanders "das Gefasel eines Greises" verbat und kurz darauf die aus Istanbul frisch eingetroffene 2. Garde-Infantrie-Division ohne Artillerievorbereitung (es herrschte allerdings großer Mangel an Artillerie-Munition) zum Angriff ansetzen ließ. In wenigen Minuten waren die mit aufgepflanzten Bajonett stürmenden Reihen niedergemäht und die 2. Garde-Infantrie-Division war nicht mehr.
Dieses unglückliche Ergebnis gibt eine Erklärung für das folgende merkwürdige Verhalten des Oberkommandierenden der 5. Armee gegenüber dem Generalfeldmarschall von der Goltz:
Als sich der Feldmarschall in der zweiten Septemberhälfte bei Seiner Majestät abmeldete, um seinen Frontabschnitt bei Gallipoli zu besichtigen, beauftragte ihn der Sultan, der benachbarten 5. Armee seinen kaiserlichen Gruß zu übermitteln. Wir fuhren in das Wäldchen, wo sich das Hauptquartier der 5. Armee befand. Der dort anwesende deutsche Militärattachè Oberst von Leipzig empfing ns und empfahl dem Feldmarschall, die Begegnung zu meiden. Jedoch kurz darauf trat Liman von Sanders aus seinem Zelt; der Feldmarschall ging ihm rasch entgegen und sagte salutierend:" Mein lieber Marschall, ich überbringe Ihnen die Gr..." Die letzten Worte blieben ihm im Munde stecken, denn Liman von Sanders schnarrte:" Habe keine Zeit, muss zur Front." Dann bog er rechts ab und bestieg sein Auto.
Diesen bedauernswerten Vorgang hat Admiral Usedom Pascha, Oberkommandierender der Festungen beider Meerengen, dem deutschen Hauptquartier gemeldet, das empfahl, die Nachbarschaft der beiden deutschen Führer türkischer Armeen zu vermeiden. Der Feldmarschall übernahm deshalb das Kommando der 6. Armee im Irak.9
Fast ebenso schwer wie die Menschenverluste litt die Abwehr durch Abnutzung und Verschlechterung des Geräts. Während der Feind über die Hilfsmittel fast der gesamten Welt verfügte, war die von den Mittelmächten abgesperrte Türkei ausschließlich auf eigene Kraft angewiesen. Diese ging zur Neige. Was von der Flotte und anderen Teilen der Wehrmacht an Kampfmitteln abgegeben werden konnte, war bereits eingesetzt worden. Die Herstellung von Gerät hielt sich in bescheidensten Grenzen. Nur zur Wiederinstandsetzung beschädigter oder abgenutzter Rohre, nicht zur Neuanfertigung von Geschützen waren die Werkstätten Konstantinopels imstande. So vergrößerte sich ständig das Übergewicht des Gegners an Kampfmitteln. Die schon nach Zahl und Kaliber unterlegene türkische Artillerie konnte aus Munitionsmangel nicht voll ausgenutzt werden; gelegentlich hatte sie schon zu Manöverkartuschen gegriffen, um der Infanterie ihre Unterstützung vorzutäuschen. Bereits im Frühjahr war man in Konstantinopel selbst zu vermehrter Herstellung von Munition übergegangen. An die Spitze der im Mai 1915 gegründeten Waffeninspektion trat der deutsche Kapitän zur See Pieper. Ingenieure und Facharbeiter wurden aus Deutschland herangezogen. Hervorragendes wurde geleistet, aber trotz aller Anpassungen konnten Vergrößerung und Verbesserung des Betriebes nur allmählich vor sich gehen. So war es erklärlich, dass besonders im Anfang die neue Munition nicht überall befriedigte und auch nicht in genügender Menge hergestellt werden konnte. Durchgreifende Behebung der Munitionsnot, die auch die leitenden Stellen in Konstantinopel und Deutschland unausgesetzt beschäftigte, war nur zu erwarten, wenn der Weg nach Konstantinopel geöffnet wurde.
Schwierig war auch die Verpflegungslage. Da der Operationsraum gar nichts und das Hinterland so gut wie nichts bot, mussten der gesamte Nachschub der Armee von Konstantinopel herangeführt werden. Der Seeweg war die kürzeste Verbindungslinie, Laderau stand genügend zur Verfügung. Gleich nach beginn der Kämpfe tauchten aber englische Unterseeboote trotz der in den Meerengen ausgelegten Sperren im Marmara-Meer auf und versenkten eine große Anzahl von Frachtschiffen und geleitenden Kriegsfahrzeugen. Konnten sie den Nachschub über See auch nicht ganz unterbinden, so nötigten sie doch zur Einrichtung einer Landetappe; diese aber war bedeutend länger. Von der Eisenbahn südlich von Adrianopel mussten noch 160 Kilometer, rund sieben Tagemärsche, auf schlechten, von ungünstiger Witterung nahezu unpassierbaren Wegen zurückgelegt werden. Transportträger waren Kamelkolonnen und Ochsengespanne, selbst Eselkolonnen mussten trotz geringen Leistungsvermögens aufgestellt werden. Kraftwagen waren erst später verfügbar. So kam es, dass die 5. Armee von der Hand in den Mund lebte und der deutsche Armeeintendant nie über volle Magazine verfügte.
6 Neue Landungen und Nachlassen der Kämpfe
Seit Mitte Juli verdichteten sich die Nachrichten, dass der Feind Verstärkungen heranziehe und neue große Landungen an den Dardanellen plane. Schon jetzt waren fast alle Machtmittel der Türkei durch die Dardanellen-Kämpfe gebunden. Ende Juli kämpften von den 45 Divisionen des türkischen Heeres 16 an den Dardanellen, 7 Divisionen, die als 1. Armee bei Konstantinopel standen, dienten in der Hauptsache als Reserve für die Meerenge. Der Rest, der Zahl nach 22 Divisionen, der Kampfkraft nach aber sehr viel weniger, verteilte sich auf die asiatischen Kriegsschauplätze.
Ebenso wenig wie im April ließ sich jetzt vorhersehen, wo der neue Feind landen würde. Die für die Verteidigung der Halbinsel Gallipoli gefährlichsten Stellen schienen der Raum von Bulair und die Lücke zwischen der Nord- und Südgruppe zu sein. Aber auch die asiatische Seite bedurfte der Sicherung. Hier standen Anfang August drei abgekämpfte Divisionen. Da bei der Südgruppe sechs, bei der Nordgruppe vier Divisionen eingesetzt waren, verfügte General Liman von Sanders noch über eine Armeereserve von drei Divisionen, davon zwei bei Bulair, eine zwischen der Nord- und Südgruppe.
Am Nachmittag des 6. August griff der Feind mit starken Kräften die Südgruppe an. Gegen Abend legte sich schweres Feuer auf das Hintergelände der Nordgruppe, bald folgte ein Angriff gegen deren linken Flügel. Nach Einbruch der Dunkelheit kamen die ersten Meldungen von Landungen und Truppenbewegungen im Raume nördlich Ariburnu bis zur Suvla-Bucht. Offensichtlich wollte der Gegner die rechte Flanke der Nordgruppe umfassen. Schnelles Vordringen konnte ihn in den Besitz des beherrschenden Höhenzuges Sari Bair und des nördlich anschließenden Geländes setzen, womit ihm ein Teil der Meerengenbefestigungen preisgegeben war. Die auf die Südgruppe und den linken Flügel der Nordgruppe angesetzten Angriffe waren mehr als Ablenkungsversuche anzusprechen. General Liman von Sanders war in schwieriger Lage, denn gerade da, wo der Gegner jetzt gelandet war, standen gar keine oder nur schwache türkische Truppen. Sofort setzte er dorthin die beiden bei Bulair stehenden Divisionen und entbehrliche Kräfte der Südgruppe in Marsch, auch vom asiatischen Ufer wurden Teile herangezogen. Aber die Wege waren weit und beschwerlich. Es war fraglich, ob die Truppen zur Zeit kommen würden.
Tatkräftiges Eingreifen eines deutschen Offiziers rettete m frühen Morgen des 7. August die Lage auf dem Sari Bair für die Türken. Oberstleutnant Kannengiesser, der Kommandeur der im Küstenschutz zwischen der Nord- und Südgruppe stehenden 9. Division, hatte gegen 0430 morgens den Befehl erhalten, diesen beherrschenden Höhenzug zu besetzen. Seiner Division voraus traf er gerade zur rechten Zeit ein, um mit schnell zusammengerafften schwachen Kräften den anrückenden Feind in Schach zu halten, bis die Division selbst herankam.
Oberstleutnant Kannengieser war seinen Männern weit voraus und um auf die steile Anhöhe des Chunuk Bair zu steigen, musste er vom Pferd steigen und auf allen Vieren nach vorne kriechen. Er erreichte die Anhöhe kurz bevor 07:00 morgens und fand eine türkische Batterie (wahrscheinlich zwei Gebirgskanonen) in Position wobei die Besatzungen und der Kommandant alle schliefen obwohl es deutlich war, dass weniger als 3500 yards im Norden feindliche Truppen bei Suvla Bay landeten. Er weckte sie auf und befahl ihnen das Feuer auf die britischen Truppen in der Gegend bei Salt Lake zu eröffnen. Danach schaute er den Hügel hinab und sah, dass in einer Entfernung von 500 yards etliche britische Truppen angriffen. Er hatte keine eigenen Truppen außer einer Gruppe von 20 Türken, die er fand und vermutlich zur Unterstützung der Gebirgsbatterie eingesetzt waren. Nach einigen Schwierigkeiten, diese zum Handeln zu bewegen (sie akzeptierten nur Befehle von ihrem nächsten Vorgesetzten), konnte er sie überzeugen auf die Engländer zu schießen. Im Moment dieser plötzlichen Gegenwehr gingen die Briten in Deckung und stellten den Angriff ein. Wenig später trafen dann die angeforderten Verstärkungskräfte ein.10
So vergingen die kritischen Morgenstunden des 7. August, ohne dass die Engländer, die auf nächste Entfernung gegenüberlagen, ernsthafte Versuche gemacht hätten, sich des Höhenkammes zu bemächtigen. Erst am 8. August und in den folgenden Tagen setzten sie zum entscheidenden Angriff an. Mittlerweile waren aber die türkischen Reserven zur Stelle. Im Kampf Mann gegen Mann wechselte die Höhe mehrfach den Besitzer, um schließlich endgültig den Türken zu verbleiben.
Nicht weniger bedrohlich war die Lage am 7. August östlich der Suvla-Bucht. Das flache Küstenland umsäumt hier eine Hügelkette, die sich von den Ausläufern des Sari Bair nach dem steil aufragenden Kiresch Tepe spannt. Hier sollten die von Bulair in Marsch gesetzten Divisionen dem landenden Gegner Halt gebieten; sie hatten 40 bis 50 Kilometer Anmarsch. Auf die vom asiatischen Ufer abgerufenen Kräfte war erst in 48 Stunden zu rechnen, auf die inzwischen auch vom türkischen Großen Hauptquartier erbetenen Verstärkungen vorerst überhaupt nicht. So blieb zur Abwehr nur ein schwacher Küstenschutz von einigen wenigen Bataillonen und Batterien, die dem Befehl des deutschen Majors Willmer unterstellt waren, im ganzen 1800 Mann mit 19 Geschützen. Alles kam darauf an, das feindliche Vordringen zu verzögern.
Am 7. August um 06:00 Uhr sendete Major Willmer die folgende Meldung an General Liman von Sanders:
"Der Feind ist gegen 21:30 letzte Nacht bei Nibrunesi gelandet. Die vorgeschobenen Kompanien sind von Lala Baba vor überlegenem Feind ausgewichen und sind nun dem 1. Bataillon des 31. Regiments bei Chokolate Höhe unterstellt. Die Höhe Kiretch Tepe - Chokolate sind fest in eigener Hand. Gut geschützt setzt der Feind die Anlandungen fort. Ich halte die Stellung wie befohlen aber erbitte dringend Verstärkung."11
General Liman von Sanders zog trotz des Widerstrebens mancher Stellen aus dem ganzen Armeebereich alle irgendwie entbehrlichen Kräfte mit dem Marschziel der Suvla-Bucht heraus und ergänzte persönlich die bereits getroffenen Maßnahmen zur Abwehr. Glücklicherweise machten die Engländer keine Anstalten, die Gunst der Lage auszunutzen, sondern begnügten sich, das Vorfeld der neuen Landungsstelle in Besitz zu nehmen. Allerdings konnten die als Reserve erwarteten Divisionen erst am 9. August angriffsbereit sein. Der Feind hatte abermals einen Tag gewonnen, um den vor ihm stehenden dünnen Schleier der Türken zurückzudrücken und in der Richtung auf die Festung durchzustoßen. Nur 15 Kilometer trennten ihn von der Wasserstrasse. Eine Übermacht von etwa 80.000 Mann stand hierzu am 8. August bereit, der Major Willmer nach den Verlusten des 7. August nur noch etwas über 1000 Gewehre entgegenzustellen hatte. Dem Armeeführer aber, der sich am Morgen des 8. August auf das Gefechtsfeld östlich der Suvla-Bucht begeben hatte, bot sich ein unfassbares Bild. Während vom benachbarten Massiv des Sari Bair ununterbrochener Kanonendonner herüberdröhnte und der ganze Höhenkamm in Rauch und Dunst gehüllt war, spielte sich im Küstenland ein höchst friedliches Leben ab: weite Biwaks, aus denen Rauch aufstieg, vor ihnen flüchtig aufgeworfene Gräben, auf deren Rändern die Besatzung plaudernd und rauchend saß; am Strande lebhaftes Kommen und Gehen und ausgedehnter Badebetrieb. Hatte schon die geringe Unternehmungslust des Gegners am 7. August Staunen erregt, so noch mehr die jetzige nahezu völlige Untätigkeit.
Als sich die Engländer sich endlich am 9. August zum Vorgehen anschickten, stießen sie auf den Gegenangriff der von Bulair eingetroffenen beiden türkischen Divisionen. In schweren Kämpfen warfen die Türken unter Oberst Mustafa Kemal Bey am 9. und 10. August den Feind auf seine Ausgangsstellungen im Flachland zurück. Alle die Küstenzone beherrschenden Höhenstellungen blieben in ihrer Hand. Versuche der Engländer, sich aus dieser unhaltbaren Lage durch neue Angriffe zu befreien, scheiterten am 15. und 21. August.
Der mit fünf Divisionen12 unternommene neue Versuch, die Dardanellen zu Fall zu bringen, war fehlgeschlagen. Obgleich die Entente-Armee jetzt elf britische und zwei französische Divisionen zählte, hatte sie nichts weiter gewonnen als eine Frontverlängerung um etwa zwölf Kilometer. Nicht mehr nördlich von Ariburnu, sondern nordöstlich der Suvla-Bucht endete der von ihr besetzte schmale Küstenstrich. Ob sie sich in dem flachen Vorgelände der Buht auf die Dauer würde halten können, erschien fraglich. Die in dem neuen Kampfabschnitt nach und nach zusammengezogenen sechs türkischen Divisionen wurden als "Anaforta-Gruppe" unter Oberst Mustafa Kemal Bey zusammengefasst. Seit Ende August bestand somit die türkische 5. Armee aus der Süd-, Nord- und Anaforta-Gruppe. Auf asiatischer Seite blieben nur schwache Kräfte. Die Armee umfasste vorübergehend 22, später 17 Divisionen, zählte aber selbst zur Zeit ihrer größten Stärke infolge hoher Abgänge nicht mehr als 120.000 Mann. Um sie von der Sorge im Rücken zu entlasten, wurde die Sicherung der Landenge von Bulair der 1. Armee übertragen.
Ende August flauten die Kämpfe ab. Wieder wie vor dem 6. August nahm der Krieg die Form des Stellungskampfes an. Mit dem Herannahen der kälteren Jahreszeit steigerten sich die Schwierigkeiten des türkischen Ersatzes und Nachschubes. Schutz gegen Nässe und Kälte verlangte bessere Unterbringung, Verpflegung und warme Bekleidung, ohne dass bei der Erschöpfung der Hilfsmittel das Notwendige geliefert werden konnte. Wenn trotzdem die Armee von Seuchen, die türkischen Truppen in früheren Kriegen häufig heimgesucht hatten, verschont blieb, so war das dem Sanitätsdienst und dem deutschen Armeearzt, Ernst Rodenwaldt, zu danken. Erfreulich war auch, dass sich inzwischen die Munitionserzeugung in Konstantinopel wesentlich verbessert hatte. Was dort nicht hergestellt werden konnte, brachten Anfang September in begrenzten Mengen deutsche Unterseeboote. Zudem erhöhte sich die Ausstattung mit schwerer Artillerie beträchtlich durch Abgabe aller an anderen Stellen verfügbaren Geschütze; vom Sommer ab waren auch für die Armee einige deutsche Flieger mit Kampffugzeugen eingetroffen13.
In dieser Zeit machten sich auch die ersten Anzeichen bemerkbar, dass der Angreifer sich an den Dardanellen mit Räumungsabsichten trug. Auffällig war, dass er seit Ende August keine größeren Angriffe mehr unternahm.
Obschon verschiedener Ansicht in der Frage, ob der Feind sich zum Abzug oder zu neuem Angriff entschließen werde, stimmten Heeresleitung und Armeeführer überein, dass der große Gegenangriff möglichst bald zu führen sei. Auch General von Falkenhayn bezeichnete, als er am 24. November in Orsova mit Enver Pascha zusammentraf, die Säuberung von Gallipoli als nächste und dringendste Aufgabe. Die Vorbereitungen hatte festere Formen angenommen, seit am 2. November die deutsche Heeresleitung wegen der erforderlichen Kampfmittel angefragt hatte. Technische Truppenteile und 20 schwere Batterien wurden neben erheblichen Munitionsmengen für die schon eingesetzte Artillerie angefordert und zugesagt. Auch die österreichisch-ungarische Heeresleitung stellte Unterstützung in Aussicht. Höhere Befehlshaber der Artillerie und Pioniere waren aus Deutschland schon vorausgeeilt, um sich mit den Besonderheiten des Kriegsschauplatzes vertraut zu machen. Mitte November und Anfang Dezember langten als erste zwei österreichisch-ungarische schwere Batterien an. Auch die ersten deutschen Munitionslieferungen begannen in Konstantinopel einzutreffen14. Noch aber mussten bei der schwierigen Verbindung durch Serbien Wochen vergehen, ehe alle angeforderten Formationen zur Stelle waren. Inzwischen wurden die besten Divisionen der türkischen 5. Armee nacheinander aus der Front gezogen, um für ihre neue Aufgabe besonders geschult zu werden. Alle Maßnahmen wurden getroffen, um beim ersten Anzeichen einer Räumung zum Angriff überzugehen. Tagsüber spielte sich in den vom Gegner besetzten Abschnitten das gewohnte Leben und Treiben ab; was aber in den langen Nächten geschah, entzog sich dem Auge der Beobachter.
7 Der Abzug des Gegners
Der ungünstige Verlauf der Kämpfe auf Gallipoli beschäftigte unausgesetzt die leitenden Stellen in England und Frankreich. Da das Unternehmen weit mehr Kräfte verzehrte, als man zunächst angenommen hatte, und damit auf Kosten der Kriegführung in Frankreich ging, hatten sich die Gegensätze wegen der Kräfteverteilung auf beiden Kriegsschauplätzen ergeben. Erschwerend kam hinzu, dass die englische Kriegführung in ihren Entscheidungen nicht frei war, sondern auf den französischen verbündeten weitgehende Rücksicht nehmen musste, dessen Auffassungen über die Zweckmäßigkeit von Kriegshandlungen im östlichen Mittelmeer aber mehrfach wechselten.
Seit Anfang August waren auf Gallipoli insgesamt 13 Divisionen eingesetzt, und seitdem hatte General Hamilton nahezu 100.000 Mann neu angefordert, die aber der englische Kriegsrat in Anbetracht der Gesamtlage nicht bewilligte. Lord Kitchener erwog bereits Ende August die Räumung des mit so schweren Opfern erstrittenen Bodens. Von einem französischen Vorschlage, mit sechs französischen Divisionen den entscheidenden Angriff auf der asiatischen Seite der Dardanellen vorzutragen, wurde bald wieder Abstand genommen da alle Kräfte für die neue Offensive in Frankreich selbst gebraucht wurden.
Als Frankreich Ende Oktober durchsetzte, dass der Gallipoli-Armee keine Verstärkungen mehr zufließen sollten, war damit das strategische Ziel des Dardanellen-Angriffs, die Inbesitznahme Konstantinopels, aufgegeben. Nur Räumung oder Behauptung des bisher Erreichten standen seitdem noch in Frage. Als sich die Engländer und Franzosen am 8. Dezember grundsätzlich zur Räumung entschlossen, wollten die Engländer ihre Stellung an der so wichtigen Seeverkehrsstrasse doch nicht ganz aufgeben; die den Eingang beherrschende und unter den Kanonen der Flotte liegende Südspitze wünschten sie auch weiterhin besetzt zu halten.
In der Nacht zum 20. Dezember wurde die Räumung der Anaforta- und Ariburnu-Front durchgeführt. Dichter Nebel, der in den ersten Morgenstunden einsetzte, kam den Engländern zustatten. Gut vorbereitet und durchgeführt, gelang der Abzug ohne Verluste.
Schärfer noch hielten die Türken seitdem den Gegner an der Südspitze unter Beobachtung. In den ersten Tagen des Jahres 1916 mehrten sich die Anzeichen, dass auch hier die Räumung bevorstehe. Für den 7. Januar ordnete General Liman von Sanders eine gewaltsame Erkundung an, die aber nur unvollkommen durchgeführt wurde; die artilleristische Gegenwehr am Lande zeigte sich erheblich schwächer als bisher, die Tätigkeit der Schiffsartillerie hatte dagegen zugenommen. Tatsächlich war die Räumung, zu der sich die Engländer am 27. Dezember doch noch entschlossen hatten, bereits in vollem Gange. In der Nacht zum 9. Januar schifften sie ihre letzten Truppen bei Sedd ul Bahr ein. Hindernisse und Artilleriefeuer von den Schiffen hielten die nachdrängenden Türken auf. Große Mengen an Gerät hatte der Gegner bei der ersten wie jetzt bei der zweiten Räumung zurückgelassen, darunter aber nur 16 meist veraltete und unbrauchbar gemachte Geschütze.
Mit dem Abzug der Engländer und Franzosen hörten die Dardanellen auf, Kriegschauplatz zu sein. Die für den Gegenangriff bestimmten deutschen Transporte wurden zurückgerufen.
8 Schlußbetrachtung
Das Dardanellen-Unternehmen hatte im Sommer und Herbst 1915 starke feindliche Kräfte gebunden und damit den Kämpfen an anderer Stelle, vor allem im Westen, ferngehalten, während die zur Abwehr ihnen entgegengestellten deutschen Kräfte zahlenmäßig überhaupt kaum ins Gewicht fielen. Die Türkei hatte die deutsche Westfront wesentlich entlastet. Fast eine halbe Million Soldaten, 410.000 Engländer und 79.000 Franzosen, hatte die Entente allein an Landstreitkräften nach und nach in Gallipoli eingesetzt. Auf mehr als 252.000 Mann waren im Laufe der acht Monate währenden Kämpfe ihre Gesamtverluste gestiegen, davon 142.000 Gefechtsverluste (115.000 Engländer und 27.000 Franzosen). Die Gefechtsverluste der Türken stellten sich nach ihren eigenen amtlichen Angaben mit etwa 165.000 Mann allerdings noch um einiges höher.
Die Räumung der Halbinsel Gallipoli beendete ein Unternehmen, das die Entente mit größten Erwartungen begonnen hatte. Das Ziel war gewesen, die Türkei niederzuringen, eine leistungsfähige Verbindung nach Russland herzustellen und die neutralen Balkan-Staaten als Bundesgenossen gegen die Mittelmächte zu gewinnen. Diese Gefahr abgewendet zu haben, ist das Verdienst der Dardanellen-Verteidiger.
Der Erfolg ist der türkischen Truppe zu danken, die ungeachtet größter Entbehrungen und trotz gewaltiger Überlegenheit des Gegners an Kampfmitteln in ihren Gräben bis zum letzten aushielt. Was die türkische Armee auf Gallipoli vollbracht hat, gehört unbestritten zu den Ruhmestaten des Krieges. Großen Anteil an dem Erfolg hat auch die zielsichere Führung des Generals Liman von Sanders. 500 deutsche Offiziere und Beamte, Unteroffiziere und Mannschaften haben ihn dabei an Land unterstützt, andere auf die Besatzungen der Festung und der Flotte verteilt, haben mitgewirkt. Unendlich schwer war die Aufgabe, vor die sich der deutsche General und türkische Marschall gestellt sah. Der Gegner hatte den Vorteil der Initiative und der Überraschung, die von ihm erstrebten Ziele lagen fast in Greifweite. Der Dardanellen-Verteidiger dagegen musste sich zum Kampfe stellen, wo immer es dem Feinde beliebte. Um jeden Fuß Boden musste er bis zum äußersten kämpfen, denn hinter den Meerengen lag ungeschützt das Herz des Reiches: Konstantinopel.
Groß war die Bedeutung des Dardanellen-Sieges für die weitere Entwicklung der Kriegslage im Nahen Orient und auf dem Balkan. Die erfolgreiche Abwehr der Türken trug dazu bei, dass die Balkan-Staaten die Gesamtlage in einem für die Mittelmächte günstigen Lichte sahen. Ohne die Behauptung der Dardanellen wäre Bulgarien kaum gewonnen worden, Griechenland und Rumänien wären vielleicht schon 1915 zum Feinde übergegangen. Andererseits war das Aufgeben des Dardanellen-Unternehmens seitens der Entente die Voraussetzung für deren stärkeres militärisches Eingreifen in Saloniki. Gleichzeitig wurden auch die Kräfte der Türkei wieder frei für andere Aufgaben. Da der Landweg zu den Mittelmächten inzwischen geöffnet war, konnte sie in verstärktem Maße darangehen, die englische und russische Stellung in Ägypten, Persien und Kaukasien zu bedrohen.
Die Frage, warum Liman von Sanders zum Befehlshaber der 5. Armee und damit zur Schlüsselperson der Verteidigung von Gallipoli ernannt worden war, kann einerseits aus einem innerstaatlichen Machtkampf in Konstantinopel und den großen deutschen Interessen erklärt werden.
Es wird überliefert, dass es bereits von Beginn zwischen Liman von Sanders und Enver Pascha kein gutes Einvernehmen herrschte. Liman von Sanders meinte, dass er als Militärberater des Sultans dem türkischen Kriegsminister und Oberbefehlshaber vorgesetzt wäre, wobei jedoch genau das Gegenteil der Fall war. Unter diesen Umständen wollte Enver Pascha offensichtlich Liman von Sanders "entfernen". Bevor der Krieg begann wollte die türkische Militärführung von Sanders offensichtlich zurück nach Deutschland entsenden und stattdessen von der Goltz einsetzen. Von der Goltz kam aber die Stellung von Sanders änderte sich nicht. Aus türkischer Sicht war von der Goltz geschickt worden, um von Sanders wegen seiner schwierigen Art abzulösen.
Der Wortlaut der Fatwa
Konstantinopel, 15. November. (W. B.)
Die Fatwa über den Krieg, die nach den Vorschriften des Islam in der Form von Frage und Antwort abgefaßt ist, hat folgenden Wortlaut:
Erste Frage: Wenn Länder des Islams Angriffen der Feinde preisgegeben sind, wenn dem Islam Gefahr droht, müssen dann jung und alt. Fußvolk und Reiter in allen von Mohammedanern bewohnten Teilen der Erde an dem Heiligen Krieg mit Gut und Blut teilnehmen, falls der Padischah allen Mohammedanern den Krieg erklärt? Antwort: Ja.
Zweite Frage: Da Rußland, England und Frankreich und andere Staaten, die diese drei Mächte unterstützen, gegen das islamitische Kalifat, das ottomanische Reich, durch ihre Kriegsschiffe und Landtruppen die Feindseligkeiten eröffnet haben, ist es nötig, daß auch die Mohammed