DeLaHoya
01.03.06, 19:36
I. KAPITEL
WESHALB WURDE
AMBASSADOR MORGENTHAU'S
STORY GESCHRIEBEN?
Im Mittelpunkt jeder Untersuchung, die sich mit der Entstehung der "Morgenthau-Geschichte" befaßt, muß ein Brief stehen, den der Botschafter am 26. November 1917 an seinen Freund und Vertrauten Woodrow Wilson, den Präsidenten der Vereinigten Staaten, schrieb. In diesem vormals unveröffentlichten Brief nämlich gab Morgenthau seinen Gedanken preis, ein Buch zu schreiben, sowie Ziele und Vorstellungen dieses zu tun. So verband er, was diese Idee angeht, sein Konzept mit einem Aufruf an den "Segen" des Präsidenten. In Anbetracht der Tatsache, daß er das alleinige Ziel verfolgte, die Meinung der Öffentlichkeit zugunsten der Kriegsanstrengungen der Vereinigten Staaten durch ein Werk anti-deutscher und anti-türkischer Propaganda, das eine "Schlacht für die Kriegspolitik der Regierung gewinnen" sollte, zu fördern, war es nicht überraschend, daß er diesen erhielt. Wilson gegenüber drückte er seine Überlegungen folgendermaßen aus:
"... Aus Entmutigung angesichts der enormen offenen Opposition und der ungeheuren Gleichgültigkeit gegenüber dem Krieg, als auch aufgrund der fehlenden Begeisterung unter der Masse derjenigen, die den Krieg unterstützen...
gedenke ich, ein Buch zu schreiben, in dem ich nicht nur das Durchdringen der Türkei und des Balkans durch Deutschland enthüllen werde, sondern das System, so wie es in jedem Land der Welt erscheint. Denn in der Türkei sehen wir den bösen Geist Deutschlands in seiner schlimmsten Form - schließlich im schlimmsten Verbrechen aller Zeiten gipfelnd: dem schrecklichen Massaker hilfloser Armenier und Syrer. Ich bin zuversichtlich, daß speziell diese Einzelheit der Geschichte und die Tatsache, daß Deutschland Anstifter derselben ist, die Masse der Amerikaner in den kleinen Städten auf dem Land ansprechen wird wie kein anderer Aspekt des Krieges und sie überzeugt, daß der Krieg zu einem siegreichen Ende gebracht werden muß... Wir müssen einen Sieg für die Kriegspolitik der Regierung erringen, und jeder legitime Schritt sollte genutzt werden, dieses zu erreichen."
Die vorliegende Studie versucht in ihrer einfachsten Form, das nachfolgende Werk aus der Perspektive zu beurteilen, ob Ambassador Morgenthau's Story, wie beschrieben, sein eigenes Kriterium, "jedes legitime Mittel" zu nutzen, um das von ihm formulierte Ziel, die "Masse der Amerikaner" zu überzeugen, den Krieg zu unterstützen, überschreitet oder sich daran hält.
Innerhalb eines Jahres nach Datum des Briefes von Morgenthau an Wilson war Ambassador Morgenthau's Story, wie das Werk schließlich auf seinen Vorschlag hin benannt wurde, vollendet, in monatlichen Episoden -in einem der bekanntesten amerikanischen Magazine The World's Work (Auflage: 120 000) veröffentlicht, in mehr als einem Dutzend der größten Zeitungen des Landes mit einer Auflage von insgesamt 2 630 256 erschienen, von Dobleday, Page & Co., mit großem Aufwand freigegeben worden, und schon belief sich die Summe aller Verkäufe auf mehrere tausend Exemplare (am 1. Juli des folgenden Jahres sollten sich die Verkaufszahlen auf 22 234 steigern).
Kurzgesagt, Morgenthaus Ziel, durch ein Buch, das mit seinen Worten "die Masse der Amerikaner in den kleinen Städten und auf dem Land ansprechen wird wie kein anderer Aspekt des Krieges", zu Amerikas Kriegsanstrengungen beizutragen, ist in einer solchen Weise gelungen, daß es seine kühnsten Erwartungen übertroffen haben muß. Und in der Tat, kaum hatte World's Work mit der Veröffentlichung der ersten Kapitel des Buches im Mai 1918 begonnen, bekam Morgenthau ein Angebot aus Hollywood für die Filmrechte seiner "Geschichte", ein Angebot, das für genannte Rechte eine Summe von 25 000 Dollar in Aussicht stellte. Nach anfänglicher Aufregung und der Fertigstellung eines erweiterten Filmhandlungsschemas, ließ Morgenthaus Begeisterung für eine Filmkarriere nach dem Erhalt eines zweiten Briefes von Präsident Wilson, in dem dieser seine Mißbilligung unmißverständlich ausdrückte, wieder nach. Wilson schrieb:
"Ich weiß es zu schätzen, daß Sie mich wegen der Frage, ob das Buch in einen Film übersetzt werden soll, konsultieren, und ich muß Ihnen offen mitteilen, daß ich hoffe, Sie werden hierzu nicht Ihre Zustimmung geben... Ich persönlich glaube, daß wir in dieser Richtung weit genug gegangen sind. Es ist nicht nur eine Frage des Geschmacks - in Fällen dieser Art würde ich nicht gern meinem Geschmack trauen - sondern auch teilweise eine Frage des Prinzips... Im Moment gibt es nichts Praktisches, das wir z. B. in der Angelegenheit des armenischen Massakers tun könnten, und die Haltung des Landes gegenüber der Türkei ist ohnehin schon festgelegt. Eine weitere Steigerung ist unnötig."
Nur etwas weniger als ein Jahr zuvor war es die Zustimmung Wilsons gewesen, die Morgenthau vor Aufnahme seines Buchprojekts suchte. Und tatsächlich, erst nachdem Wilson den Vorschlag abgesegnet und geschrieben hatte: "Ich denke, Ihr Plan einer vollständigen Offenlegung einiger Linien deutscher Intrigen ist ein ausgezeichneter, und ich hoffe, daß Sie das Buch, von dem Sie sprechen, schreiben und veröffentlichen werden", gab Morgenthau eine positive Antwort auf erste Anfragen von Burton J. Hendrick von Doubleday, Page & Companys The World's Work, und das Projekt begann Gestalt anzunehmen. Es ist etwas befremdend, einen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika und einen Ex-Botschafter über eine solche Angelegenheit kommunizieren zu sehen. Aber es war Krieg, und wie der Briefverkehr zwischen Morgenthau und Wilson von Anfang an illustriert, wurde Ambassador Morgenthau's Story ebenso als ein Bestandteil von "Präsident Wilsons Geschichte" verstanden. Es war der Wunsch, die Unterstützung für Wilsons Kriegsanstrengungen zu erhöhen, der Morgenthau veranlaßte, ein anti-deutsches und anti-türkisches Werk zu schreiben, das die amerikanische Öffentlichkeit von der "Notwendigkeit, den Krieg zu einem siegreichen Ende bringen zu müssen", überzeugen würde. Mit anderen Worten, wie von Morgenthau beabsichtigt, war seine "Geschichte" als Kriegspropaganda gedacht, d.h. als Beitrag zur Kriegsanstrengung der Entente. Vor diesem Hintergrund muß versucht werden zu untersuchen, wie und von wem das Buch tatsächlich geschrieben wurde, ebenso wie die umfassendere Frage betreffs der Genauigkeit oder Ungenauigkeit der "Geschichte", das es vorgibt zu erzählen.
WESHALB WURDE
AMBASSADOR MORGENTHAU'S
STORY GESCHRIEBEN?
Im Mittelpunkt jeder Untersuchung, die sich mit der Entstehung der "Morgenthau-Geschichte" befaßt, muß ein Brief stehen, den der Botschafter am 26. November 1917 an seinen Freund und Vertrauten Woodrow Wilson, den Präsidenten der Vereinigten Staaten, schrieb. In diesem vormals unveröffentlichten Brief nämlich gab Morgenthau seinen Gedanken preis, ein Buch zu schreiben, sowie Ziele und Vorstellungen dieses zu tun. So verband er, was diese Idee angeht, sein Konzept mit einem Aufruf an den "Segen" des Präsidenten. In Anbetracht der Tatsache, daß er das alleinige Ziel verfolgte, die Meinung der Öffentlichkeit zugunsten der Kriegsanstrengungen der Vereinigten Staaten durch ein Werk anti-deutscher und anti-türkischer Propaganda, das eine "Schlacht für die Kriegspolitik der Regierung gewinnen" sollte, zu fördern, war es nicht überraschend, daß er diesen erhielt. Wilson gegenüber drückte er seine Überlegungen folgendermaßen aus:
"... Aus Entmutigung angesichts der enormen offenen Opposition und der ungeheuren Gleichgültigkeit gegenüber dem Krieg, als auch aufgrund der fehlenden Begeisterung unter der Masse derjenigen, die den Krieg unterstützen...
gedenke ich, ein Buch zu schreiben, in dem ich nicht nur das Durchdringen der Türkei und des Balkans durch Deutschland enthüllen werde, sondern das System, so wie es in jedem Land der Welt erscheint. Denn in der Türkei sehen wir den bösen Geist Deutschlands in seiner schlimmsten Form - schließlich im schlimmsten Verbrechen aller Zeiten gipfelnd: dem schrecklichen Massaker hilfloser Armenier und Syrer. Ich bin zuversichtlich, daß speziell diese Einzelheit der Geschichte und die Tatsache, daß Deutschland Anstifter derselben ist, die Masse der Amerikaner in den kleinen Städten auf dem Land ansprechen wird wie kein anderer Aspekt des Krieges und sie überzeugt, daß der Krieg zu einem siegreichen Ende gebracht werden muß... Wir müssen einen Sieg für die Kriegspolitik der Regierung erringen, und jeder legitime Schritt sollte genutzt werden, dieses zu erreichen."
Die vorliegende Studie versucht in ihrer einfachsten Form, das nachfolgende Werk aus der Perspektive zu beurteilen, ob Ambassador Morgenthau's Story, wie beschrieben, sein eigenes Kriterium, "jedes legitime Mittel" zu nutzen, um das von ihm formulierte Ziel, die "Masse der Amerikaner" zu überzeugen, den Krieg zu unterstützen, überschreitet oder sich daran hält.
Innerhalb eines Jahres nach Datum des Briefes von Morgenthau an Wilson war Ambassador Morgenthau's Story, wie das Werk schließlich auf seinen Vorschlag hin benannt wurde, vollendet, in monatlichen Episoden -in einem der bekanntesten amerikanischen Magazine The World's Work (Auflage: 120 000) veröffentlicht, in mehr als einem Dutzend der größten Zeitungen des Landes mit einer Auflage von insgesamt 2 630 256 erschienen, von Dobleday, Page & Co., mit großem Aufwand freigegeben worden, und schon belief sich die Summe aller Verkäufe auf mehrere tausend Exemplare (am 1. Juli des folgenden Jahres sollten sich die Verkaufszahlen auf 22 234 steigern).
Kurzgesagt, Morgenthaus Ziel, durch ein Buch, das mit seinen Worten "die Masse der Amerikaner in den kleinen Städten und auf dem Land ansprechen wird wie kein anderer Aspekt des Krieges", zu Amerikas Kriegsanstrengungen beizutragen, ist in einer solchen Weise gelungen, daß es seine kühnsten Erwartungen übertroffen haben muß. Und in der Tat, kaum hatte World's Work mit der Veröffentlichung der ersten Kapitel des Buches im Mai 1918 begonnen, bekam Morgenthau ein Angebot aus Hollywood für die Filmrechte seiner "Geschichte", ein Angebot, das für genannte Rechte eine Summe von 25 000 Dollar in Aussicht stellte. Nach anfänglicher Aufregung und der Fertigstellung eines erweiterten Filmhandlungsschemas, ließ Morgenthaus Begeisterung für eine Filmkarriere nach dem Erhalt eines zweiten Briefes von Präsident Wilson, in dem dieser seine Mißbilligung unmißverständlich ausdrückte, wieder nach. Wilson schrieb:
"Ich weiß es zu schätzen, daß Sie mich wegen der Frage, ob das Buch in einen Film übersetzt werden soll, konsultieren, und ich muß Ihnen offen mitteilen, daß ich hoffe, Sie werden hierzu nicht Ihre Zustimmung geben... Ich persönlich glaube, daß wir in dieser Richtung weit genug gegangen sind. Es ist nicht nur eine Frage des Geschmacks - in Fällen dieser Art würde ich nicht gern meinem Geschmack trauen - sondern auch teilweise eine Frage des Prinzips... Im Moment gibt es nichts Praktisches, das wir z. B. in der Angelegenheit des armenischen Massakers tun könnten, und die Haltung des Landes gegenüber der Türkei ist ohnehin schon festgelegt. Eine weitere Steigerung ist unnötig."
Nur etwas weniger als ein Jahr zuvor war es die Zustimmung Wilsons gewesen, die Morgenthau vor Aufnahme seines Buchprojekts suchte. Und tatsächlich, erst nachdem Wilson den Vorschlag abgesegnet und geschrieben hatte: "Ich denke, Ihr Plan einer vollständigen Offenlegung einiger Linien deutscher Intrigen ist ein ausgezeichneter, und ich hoffe, daß Sie das Buch, von dem Sie sprechen, schreiben und veröffentlichen werden", gab Morgenthau eine positive Antwort auf erste Anfragen von Burton J. Hendrick von Doubleday, Page & Companys The World's Work, und das Projekt begann Gestalt anzunehmen. Es ist etwas befremdend, einen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika und einen Ex-Botschafter über eine solche Angelegenheit kommunizieren zu sehen. Aber es war Krieg, und wie der Briefverkehr zwischen Morgenthau und Wilson von Anfang an illustriert, wurde Ambassador Morgenthau's Story ebenso als ein Bestandteil von "Präsident Wilsons Geschichte" verstanden. Es war der Wunsch, die Unterstützung für Wilsons Kriegsanstrengungen zu erhöhen, der Morgenthau veranlaßte, ein anti-deutsches und anti-türkisches Werk zu schreiben, das die amerikanische Öffentlichkeit von der "Notwendigkeit, den Krieg zu einem siegreichen Ende bringen zu müssen", überzeugen würde. Mit anderen Worten, wie von Morgenthau beabsichtigt, war seine "Geschichte" als Kriegspropaganda gedacht, d.h. als Beitrag zur Kriegsanstrengung der Entente. Vor diesem Hintergrund muß versucht werden zu untersuchen, wie und von wem das Buch tatsächlich geschrieben wurde, ebenso wie die umfassendere Frage betreffs der Genauigkeit oder Ungenauigkeit der "Geschichte", das es vorgibt zu erzählen.