Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Die Hintergrundgeschichte zu Botschafter Morgenthaus Memoiren - III. Kapitel
III. KAPITEL
INTENTION UND UMFANG DER
GESCHICHTE
Die Schlüsselfragen, mit denen sich der Rest dieser Studie beschäftigt, sind folgende: Wieviel von Ambassador Morgenthau's Story, das nicht auf dem "Tagebuch" und den "Briefen" basiert, entstammt der schöpferischen journalistischen Vorstellungskraft Burton J. Hendricks, und wieviel davon wurde von Morgenthau erdichtet, um seine Absicht, ein sensationelles, die Türken und Deutschen verdammendes Buch zu schreiben, zu unterstützen und dadurch Begeisterung unter seinen amerikanischen Landsleuten für den Krieg zu erwecken? Gleichermaßen, welcher Natur ist der Beitrag des U.S. Secretary of State Robert Lansing? D.h. die Frage, beschränkte er sich darauf, diplomatische Enthüllungen Morgenthaus, die möglicherweise peinlich sein könnten, zu zensieren, oder spielte er eine aktive Rolle bei der negativen Darstellung sowohl der Türken als auch der Deutschen, um die erklärten Ziele seines Arbeitgebers, dem Präsidenten, und die des Autors zu unterstützen? Sind Morgenthaus Eindrücke der Streitigkeiten zwischen Türken und Armeniern durch seine armenischen "Augen und Ohren", nämlich Arshag K. Schmavonian and Hagop S. Andonian, geprägt worden? Am wichtigsten ist die Frage, was waren Morgenthaus tatsächliche Eindrücke der türkischen Führer und deutschen Diplomaten, denen er während seiner Amtszeit in Konstantinopel begegnete, und inwiefern (und soweit wie möglich warum) haben sich diese Eindrücke ungefähr zwei Jahre später, als Ambassador Morgenthau's Story geschrieben wurde, geändert?
Für diejenigen, die nicht mit Morgenthaus Buch vertraut sind, mag es hilfreich sein, die wichtigsten Themen - vier insgesamt - in Form einer Zusammenfassung aufzuführen: 1) Imperialistische Beweggründe der Deutschen involvierten die Regierung der Jungtürken in den Krieg. 2) Die Führung der Jungtürken, insbesondere Talaat Bey und Enver Pascha, entschlossen sich, den Krieg als Deckmantel zu benutzen, um das Osmanische Reich ein für allemal zu türkifizieren. Um dieses Ziel zu erreichen, planten und führten sie ein Komplott aus, um die armenische Bevölkerung des Osmanischen Reiches, die sie fälschlicherweise bezichtigten, ihren russischen Feind während des Krieges zu unterstützen und Vorschub zu leisten, auszurotten. 3) Henry Morgenthau war eine einsame Stimme, die unermüdlich versuchte, den bösen Talaat und Enver von ihrem schändlichen Vorhaben, die Armenier zu vernichten, abzubringen. Und 4) Morgenthaus Bemühungen scheitern einzig und allein aus dem Grund, daß der Mann, der die Türken hätte überreden können, ihre Handlungsweise zu ändern, der Deutsche Botschafter Baron Wangenheim, untätig herumsaß und sich weigerte, zugunsten der hilflosen Armenier zu sprechen.
Morgenthaus Themen erhalten durch die Tatsache Glaubwürdigkeit, daß durch seine ganze "Geschichte" hindurch - buchstäblich von Anfang bis Ende - sein Dreigespann der Bösewichte - Wangenheim, Talaat und Enver - sich wiederholt mit eigenen Worten seiner Anklagen bezichtigt, d.h. Morgenthau gibt uns wieder und wieder mit Anführungszeichen versehene Beschreibungen in der Ich-Form von Aussagen, die diese Personen angeblich gemacht haben sollen, und die seine Behauptungen hinsichtlich ihrer Rollen untermauern. Wahrhaftig, das einzige Verbrechen, das sie nicht offen bekennen, akzeptiert man Morgenthaus Beschreibungen, ist das des "Völkermordes", und dieses nur, weil der Ausdruck noch nicht geprägt war.
Die sich uns stellende Frage lautet, ob diese angeblichen Unterhaltungen tatsächlich in der von Morgenthau/Hendrick beschriebenen Weise stattgefunden haben. Um hierauf eine Antwort zu finden, müssen wir eine Reihe von Aussagen in dem Buch mit parallelen Beschreibungen aus dem "Tagebuch", den "Briefen" und den von Morgenthau an den Secretary of State Lansing in Washington, D.C., gerichteten Berichten vergleichen.
Zu Beginn ist eine Tatsache unbestreitbar: Keine der in Anführungszeichen aufgeführten Aussagen im Buch, die angeblich Kommentare dieses oder jenes türkischen oder deutschen Beamten sein wollen, stützen sich auf schriftliche Aufzeichnungen. Es lassen sich einfach keine solchen Aussagen in irgendeiner der für Ambassador Morgenthau's Story verwendeten Quellen finden. Anders ausgedrückt, die Verwendung solcher Aussagen in wörtlicher Rede ist einfach ein von Hendrick angenommener literarischer Brauch beim Erzählen von Ambassador Morgenthau's Story. Die mit ihnen verfolgte Absicht kann nur die gewesen sein, die den verschiedenen Figuren in den Mund gelegten Worte glaubhafter erscheinen zu lassen. Obwohl dieses de facto nicht bedeutet, daß sie falsch seien, heißt es doch, daß wir sie einer weitaus sorgfältigeren Prüfung unterziehen sollten, als das bis jetzt geschehen ist.
III. Kapitel aus
- Heath W. Lowry
- Die Hintergrundgeschichte zu Botschafter Morgenthaus Memoiren
- Istanbul 1991
- Seite 28-30
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V. KAPITEL
EINE ZEITGENÖSSISCHE
BETRACHTUNG VON
AMBASSADOR MORGENTHAU'S STORY
Auch die Behandlung Talaat Beys durch Morgenthau ist in keiner Weise großartig. Ein ähnlicher Vergleich seiner Kommentare über Enver Pascha (und andere Führer der Jungtürken) und den Deutschen Botschafter Wangenheim mit seiner tatsächlichen Meinung über diese Charaktere, wie sie in seinem "Tagebuch" und seinen Familienbriefen" und sogar in den Berichten, die er an das Department of State in Washington, D.C., schickte, festgehalten sind, enthüllt einen ähnlichen Mangel an Wahrheitsliebe wie in Ambassador Morgenthau's Story. Zur Verteidigung von Morgenthaus Neugestaltung der Geschichte kann bestenfalls gesagt werden, daß er in der Zeit zwischen seiner Abreise aus der Türkei, Anfang Februar 1916, und der Zeit, in der das Buch geschrieben wurde, also 1918, seine Meinung über Ursache und Wirkung der Begebenheften, über die er berichtet hatte, gänzlich geändert haben muß. Eine andere, und weitaus realistischere Erklärung ist die, daß er so fest an die Legitimität seines Ziels, die öffentliche Meinung zugunsten von Präsident Wilsons Kriegspolitik aufzurütteln, glaubte, daß er sich selbst einredete, durch die Charakterisierung der drei Personen Talaat, Enver und Wangenheim, deren Freundschaft und Vertrauen er während seiner gesamten Amtszeit in Konstantinopel genossen hatte, als rohe Stereotypen einem größeren Wohl zu dienen. Daher porträtierte er sie als Verkörperungen des Teufels, um damit seinem Anliegen, das Übel des Krieges zu "personifizieren", gerecht zu werden.
Hat denn niemand das Ausmaß der Ungerechtigkeit erkannt, das durch Morgenthaus Buch verübt wurde? Das ist die Frage, die sich jedem aufdrängt, der systematisch die schriftlich festgehaltenen Notizen Morgenthaus, die sich während seines 26monatigen Aufenthalts in der Türkei angesammelt haben (und ihn als relativ aktiven Teilnehmer in dem äußerst komplexen Spiel internationaler Politik darstellen), mit den groben Halbwahrheiten und ausgesprochenen Unwahrheiten vergleicht, die sein Buch von Anfang bis Ende kennzeichnen. Ein einzelner, zufällig zwischen den Morgenthau-Schriftstücken in der Roosevelt Library erhaltener Brief, von George A. Schreiner an den Botschafter adressiert, beweist, daß wenigstens einer seiner Zeitgenossen starke Einwände gegen seine Bemühungen erhob.
Der Schreiner-Brief vom 11. Dezember 1918, von einem bekannten Auslandskorrespondenten geschrieben, der von Februar bis Ende 1915 in der Türkei arbeitete, drückt alle die Fragen aus, die sich nach dieser Untersuchung stellen. Der Name Schreiners ist uns aus Ambassqdor Morgenthau's Story, den "Tagebucheintragungen" von 1915 und auch aus den wöchentlichen "Familienbriefen" geläufig. Es kann in der Tat kein Zweifel daran bestehen, daß Morgenthau und Schreiner sich im Jahr 1915 ziemlich häufig sahen, denn das "Tage-buch" hält fest, daß die beiden Männer zwischen dem 9. Februar und 31. Mai nicht weniger als dreißigmal zusammentrafen. In seinem Buch spricht Morgenthau von Schreiner als "dem bekanntesten amerikanischen Korrespondenten der "Associated Press", während er in seiner "Tagebucheintragung" vom 9. Februar 1915 die Information hinzufügt, daß Schreiner ein Sonderreiseberichterstatter der "Associated Press of America" war, dessen Berichte in "937 Tageszeitungen" erschienen. Schreiner, der seinen Brief anläßlich eines zufälligen Zusammentreffens im State Department (im Dezember 1918) als auch aufgrund der Tatsache, daß er erst kurz vorher Ambassador Morgenthau's Story gelesen hatte, schrieb, wendet sich mit folgenden Worten an ihn:
"... Ich schreibe Ihnen diesen Brief unter dem Eindruck, daß der Weltfrieden nicht durch extravagante Leistungen wie die Ihrigen gewinnt. Bevor sich die Völker untereinander verstehen, muß jedes von ihnen die richtige Perspektive der Dinge haben, und diese Perspektive besteht darin, die wahren Ausmaße von Recht und Unrecht zu erkennen...
Da ich Baron Wangenheim wahrscheinlich besser kannte als Sie, hoffe ich, daß zukünftige Historiker dem, was Sie über diesen Mann sagen, wenig Beachtung schenken werden. Aber es ist schon immer einfach gewesen, die Toten zu verleumden. Sie wissen genauso gut wie ich, daß der deutsche Botschafter nicht die Figur war, die Sie und Ihre Mitarbeiter geformt haben.
Auch haben Sie in Konstantinopel nicht über die Allwissenheit und Allmacht verfügt, die Sie sich in dem Buch selbst zugeschrieben haben. Im Interesse der Wahrheit möchte ich auch behaupten, daß Sie wenig von der den Türken zugefügten Grausamkeit gesehen haben. Außerdem haben Sie mehr Armenier umgebracht als jemals in den aufständischen Distrikten gelebt haben. Das Schicksal jener Leute war auch ohne die von Ihnen unternommenen Übertreibungen traurig genug. Ich habe wohl mehr von den armenischen Angelegenheiten gesehen als alle armenischen Attachés der Amerikanischen Botschaft zusammen.
Um ganz offen zu Ihnen zu sein, ich kann Ihren Anstrengungen, den Türken das schlimmste Wesen auf Erden zu machen, und den Deutschen wenn möglich noch schlimmer, keinen Beifall leisten. Sie wissen genauso gut wie ich, daß Baron Wangenheim die Beziehungen zu den Türken mehr als einmal abgebrochen hat, wenn seine Bitten für die Armenier eine äußerst scharfe Antwort von Talaat Bey, dem damaligen Innenminister, erhielten. Haben Sie jemals überlegt, daß alle Regierungen das Recht für sich in Anspruch nehmen, Rebellionen niederzuschlagen? Es erscheint mir, daß sogar. Großbritannien diesen Standpunkt den Vätern der Republik gegenüber eingenommen hat. Es ist äußerst unglücklich, daß die Bemühungen der Türken jeden vernünftigen Rahmen sprengten; aber haben Sie sich je einen Moment lang überlegt, daß man im Osten die Dinge nicht mit den Augen des Okzidents sieht?
... Ich frage mich, was wohl Ihre ehemaligen Freunde in Konstantinopel über diese Anstrengungen denken? Besonders Enver kommt schlecht dabei weg, und das, nachdem Sie so viel aus ihm gemacht haben. Ist es nicht wahr, daß Enver Pascha ein ungewöhnlich aufgeklärter junger Führer war? Natürlich war er ziemlich unerfahren, wie Sie wissen, irgendwie impulsiv, und er neigte dazu, zu vertrauensselig zu sein, oftmals gegenüber nicht vertrauenswürdigen Personen. Aber davon abgesehen, war er in keiner Weise das, als was Sie ihn darstellen. Aber natürlich, wenn wir es als gegeben hinnehmen, daß wir aus dem Westen Heilige sind, dann ist kein Türke gut. Sie werden aber zweifelsohne mit mir übereinstimmen, daß die Türken zu den wenigen noch existierenden Gentlemen gehören.
Ich möchte nicht, daß Sie dies als eine Kriegserklärung betrachten. Dadurch, daß ich diese Dinge erwähne, beabsichtige ich, Sie wissen zu lassen, daß es wenigstens einen Menschen gibt, der keine Angst hat, mit einem Ex-Botschafter der Vereinigten Staaten zu brechen. Am Ende wird die Wahrheit siegen. Ich habe meine bescheidenen Möglichkeiten in ihren Dienst gestellt... Sobald ich meine Aufzeichnungen und Dokumente erhalte, die sich zur Zeit noch in Europa befinden, wird man mehr über diplomatische Ereignisse am Bosporus hören. Wie mein Buch Ihnen vielleicht bereits gezeigt hat, vertraue ich in solchen Fällen nicht gern auf mein Gedächtnis. Da ich Journalist und kein Diplomat bin, muß ich vorsichtig sein bei dem, was ich sage."
Fast 72 Jahre mußten vergehen, bevor Schreiners Behauptung, daß "letztendlich die Wahrheit siegen wird", dem Bild der "Allwissenheit und Allmacht", die Morgenthau sich in seiner "Geschichte" selbst zugeschrieben hatte, langsam den Glanz zu nehmen begann, und bevor Morgenthaus Anstrengungen, "den Türken das schlimmste Wesen auf Erden zu machen", in Frage gestellt wurden. Ironischerweise ist es Morgenthaus Neigung, alte Briefe aufzubewahren, zu verdanken, daß Schreiners Brief zufällig erhalten geblieben ist.
Schreiners Analyse von Morgenthaus Zielen und Absichten war korrekt. Obwohl er nichts über den Schriftverkehr zwischen Wilson und Morgenthau wußte, der der Entscheidung des Botschafters, ein Buch zu schreiben, vorangegangen war, erkennt und weist Schreiner das Prinzip zurück, ein solches Buch könne in irgendeiner Weise zum "Weltfrieden" beitragen, was seiner Meinung nach auf der Unfähigkeit beruht, die "wahren Ausmaße dessen, was wahr und falsch ist" unterscheiden zu können.
Im gleichen Sinne verstand und verurteilte er Morgenthaus Versuch, den guten Ruf des verstorbenen deutschen Botschafters Wangenheim als auch den des Talaat Bey und Enver Pascha und der Türken allgemein, zu verunglimpfen. Und er tat dies, da er ja aus erster Hand wußte, daß dies nicht die Meinung war, die Morgenthau tatsächlich während seiner Zeit in Konstantinopel vertreten hatte. Ferner verurteilt Schreiner die Art und Weise, in der Morgenthau über die Verfolgung der Armenier spricht, und beschuldigt ihn, "mehr Armenier, als jemals in den aufständischen Distrikten gelebt haben, umgebracht zu haben". Dabei spricht Schreiner den interessanten Punkt an, "daß ich wohl mehr von der armenischen Angelegenheit gesehen habe, als alle armenischen Attachés an der Amerikanischen Botschaft zusammen". Die Tatsache, daß er wirklich Augenzeuge der Ereignisse in Anatolien gewesen ist, beweist eine Untersuchung von Schreiners Buch über seine Erfahrungen in der Türkei From Berlin to Baghdad: Behind the Scenes in the Near East, in dem er ausführlich über sein Zusammentreffen mit dem ersten armenischen Deportationstransport (diejenigen, die in Zeytun revoltiert hatten) am 26. April 1915 auf der Straße in der Nähe von Adana berichtet. Zurück in Konstantinopel schrieb er diese Erfahrungen nieder und präsentierte sie Morgenthau, wodurch er dem Botschafter den ersten Augenzeugenbericht der Deportationen verschaffte, den dieser erhielt. Und wirklich, das Original dieses Dokuments, von Schreiner mit dem Datum vom 24. Mai 1915 versehen und unterschrieben, ist noch immer in den Morgenthau-Schriftstücken erhalten.
Vielleicht verdanken wir den Erhalt des Schreiner-Briefes in dem Morgenthau-Material der verhüllten Drohung, die er enthält. Als Schreiner schrieb: "über diplomatische Ereignisse am Bosporus wird man noch mehr hören, sobald ich meine sich jetzt noch in Europa befindlichen Notizen und Unterlagen erhalten kann", mag Morgenthau dieses als Zeichen für Schreiners Absicht verstanden haben, der Öffentlichkeit den im Brief enthaltenen ähnliche Anschuldigungen zu unterbreiten. Falls dies der Fall war, so haben sich seine Befürchtungen nicht bewahrheitet. Schreiner schrieb tatsächlich ein Buch, in dem er Wilsons Gewohnheit, unausgebildete Personen während der Kriegszeit als Botschafter in europäische Hauptstädte zu entsenden, kritisiert; wie erwartet, ist Morgenthau eine der Fallstudien, die sich mit dieser Praxis beschäftigen. Dennoch fügt sein Buch mit dem Titel: The Craft Sinister den im Brief enthaltenen Anschuldigungen nur wenige neue Einzelheiten hinzu. Und dies trotz einer Bemerkung in seinem "Vorwort", die den Leser etwas anderes erwarten läßt:
"Es bleibt nur zu hoffen, daß der zukünftige Historiker dem Unsinn, den man in Büchern von Diplomaten-Autoren findet, nicht zuviel Beachtung schenken wird. Ich zumindest habe, was die Rolle des Autors angeht, diese Bücher bemerkenswert unzuverläßig gefunden. Es scheint fast, daß diese literarischen Werke mit den 'blue books' gleichgesetzt werden können, die, wie ich an einigen Beispielen demonstrieren werde, von Regierungen zur Erbauung der Öffentlichkeit und ihrer eigenen Unterhaltung herausgegeben werden."
In einem Kapitel, das den "Titel Diplomacy in Turkey" trägt, gibt Schreiner sich damit zufrieden, die enge Beziehung zwischen Morgenthau und seinem deutschen Counterpart Baron Wangenheim, sowie die sehr herzliche Freundschaft, die Morgenthau mit Enver Pascha verband, auszuführen. Er stellt seinen Bemerkungen über die Freundschaft zwischen Wangenheim und Morgenthau folgendes voran:
"Aber die Bücher von Diplomaten sollten nicht allzu ernst genommen werden. Ein Botschafter, der von Beginn der Schwierigkeiten an behauptet, er stünde auf der einen oder anderen Seite, tut vielleicht nichts anderes, als gerade eine Seite seiner Haltung, mit möglicherweise leichten Übertreibungen, darzustellen. In diesem Fall ist es eine Tatsache, daß Mr. Morgenthau von den deutschen Botschaftern in Peru sehr geschätzt wurde, und daß er, lange nach Ausbruch des Krieges, nichts dagegen hatte, als Freund von Baron Wangenheim zu gelten."
Was Morgenthaus Kontakte zu Talaat Bey und Enver Pascha angeht, schreibt Schreiner:
"Unter den Männern, die eine spezielle Freundschaft mit dem Botschafter der Vereinigten Staaten pflegten, war Enver Pascha, ein gern gesehener Gast beim Tee oder Lunch von Mme. Morgenthau, lange nachdem die Türkei in den Krieg eingetreten war.
Auch Talaat Bey stand in gutem Einvernehmen mit dem Amerikanischen Botschafter, so wie auch eine Reihe anderer Beamter des öffentlichen Dienstes."
Jedermann, der die Richtigkeit von Schreiners Aussage in dieser Hinsicht anzweifelt, braucht nur die betreffenden Seiten des Morgenthau "Tagebuches" und seiner "Familienbriefe" durchzugehen. Noch am 12. Januar 1916, gerade zwei Wochen bevor er Konstantinopel endgültig verließ, hielt Morgenthau folgenden Wortwechsel mit Talaat Bey fest:
"Dann versuchte ich, Talaat Bey zu sprechen, und er willigte ein, mich zu empfangen. Wir sprachen bei ihm vor und fanden ihn bei ausgezeichneter Laune... Als wir davon sprachen, daß wir uns nie sähen, sagte ich zu ihm, daß er mich besuchen kommen sollte. Er meinte, er könne nicht kommen, bevor er nicht eingeladen sei. Ich fragte ihn also, ob er zum Mittag- oder Abendessen eingeladen werden wolle. Er zog Mittagessen vor, und ich lud ihn also ein und fragte, wen ich sonst noch einladen solle. Er antwortete Halil [Außenminister], und ich sagte in Ordnung, und er sagte, Sie brauchen ihn nicht einzuladen, ich werde ihn mitbringen, ich werde nach ihm fragen."
Drei Tage später, am 15. Januar, schrieb Morgenthau seine Eindrücke des Mittagessens mit folgenden Worten nieder:
"Um 12.30 Uhr kamen Talaat und Halil, und wir gingen zum Geschäftlichen über; dann aßen wir zu Mittag, und Philip und Schmavonian gesellten sich zu uns. Es war ein äußerst merkwürdiges Verfahren, die Regierung sozusagen zu mir zu bitten, um geschäftliche Dinge abzuwickeln.
Wir hatten ein sehr vornehmes Mittagessen, und beide, die ich 'die beleibten Kabinettsmitglieder' nenne, legten einen außerordentlichen Appetit an den Tag..."
Der obige scherzende Ton, der die Beziehung zwischen den beiden Männern noch knappe zwei Wochen vor Morgenthaus endgültiger Abreise aus der Türkei kennzeichnete, ist einfach unvereinbar mit der Porträtierung Talaat Beys als Verkörperung des Bösen, die Ambassador Morgenthau's Story von Anfang bis Ende durchzieht.
Wie Schreiner so offen in seinem Brief an Morgenthau schreibt, und wie ein Vergleich der Tatsachen, wie sie in Morgenthaus "Tagebuch" und seinen "Briefen" festgehalten sind, mit dem Text von Ambassador Morgenthau's Story eindeutig veranschaulicht, ist das Buch ein erdichteter Bericht, der sich in einer solchen Weise um reale Ereignisse und Charaktere rankt, daß er den Anschein einer auf Tatsachen beruhenden Geschichtsschreibung vermittelt.
V. Kapitel (ohne Fußnoten 105-122) aus
- Heath W. Lowry
- Die Hintergrundgeschichte zu Botschafter Morgenthaus Memoiren
- Istanbul 1991
- Seiten 63-73
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VI. KAPITEL
DIE BEDEUTUNG VON
AMBASSADOR MORGENTHAU'S
STORY HEUTE
Enthielte dieses Buch einfach die Memoiren eines erfolgreichen Immobilienhändlers und späteren Kapitalfinders für Wahlcampagnen, der für seine Mühen nicht mit dem von ihm angestrebten Posten als Finanzminister belohnt wurde, sondern mit der minderwertigeren politischen "Rosine" als Botschafter im Osmanischen Reich, könnten wir Henry Morgenthau vergessen, so wie es auch die Welt vor einem halben Jahrhundert getan hätte. Aber das ist nicht der Fall. Im Jahr 1990, 72 Jahre nach ihrem ersten Erscheinen, ist Ambassador Morgenthau's Story noch immer in Druck. Im selben Jahr ist das Buch im U.S. Kongress wiederholt von einer Unmenge wohlwollender Senatoren als Beweis für die Tatsache zitiert worden, daß die Regierung der Jungtürken einen "Völkermord" gegen ihre armenische Minderheit plante und ausführte. Gegenwärtig sehen sich amerikanische Studenten durch eine Anzahl von "Lehrplanführern über Genozid- und Holocauststudien", die an High Schools verwendet werden, mit Passagen aus diesem Buch konfrontiert, die als Beispiele für kranke Geister stehen, die einen Völkermord planen und begehen können etc. Kurzgesagt, weit davon entfernt, die wohlverdiente Ruhe zu finden, bleibt Ambassador Morgenthau's Story auch heute noch eine "lynchende Nadel" im Rumpf der Literatur, die die Türken als reuelose, massenmordende Unholde der Geschichte darstellt.
Obwohl die Absicht dieser Studie weniger darin liegt, die Frage zu untersuchen, ob das Schicksal der osmanischen Armenier als "Völkermord" bezeichnet werden sollte oder nicht, sondern einen Versuch darstellt, zwischen Realität und Dichtung in Ambassador Morgenthau's Story zu unterscheiden, müssen wir uns doch der weitläufigeren Implikationen, die sie enthält, bewußt sein.
Zusätzlich zu seiner Rolle als Abgesandter der Vereinigten Staaten in Konstantinopel, muß Morgenthau als Schlüsselfigur in der Verbreitung von Berichten über die von osmanischen Armeniern erduldeten Leiden während des Krieges gesehen werden. Tatsächlich sind es drei Namen, die gewöhnlich mit der Verbreitung der Armenischen Saga während des Krieges in Verbindung gebracht werden. Dies sind Lord Bryce, dessen dokumentarisches Sammelwerk The Treatment of Armenians in the Ottoman Empire aus dem Jahr 1916 ersten Alarm schlug; der deutsche protestantische Pastor Johannes Lepsius, dessen Le Rapport Secret du Dr. Johannes Lepsius sur les Massacres D'Arménie aus den Jahren 1917-18 den Rest Europas in Kenntnis setzte; und Ambassador Morgenthau's Story, die 1918 gleichzeitig in Europa und den Vereinigten Staaten erschien. Was weniger bekannt ist, ist die Beziehung zwischen diesen drei Werken und insbesondere die Rolle, die Henry Morgenthau in jedem von ihnen spielte.
Am 31. Juli 1915 berichtet Morgenthaus "Tagebuch" folgendes über das erste Treffen zwischen dem amerikanischen Gesandten und dem deutschen Pastor Lepsius:
"Um 15 Uhr sprach Dr. Johannes Lepsius aus Potsdam vor. Er erzählte uns sehr viel über die armenischen Angelegenheiten und war bestrebt, alles zu erfahren, was wir wissen... Lepsius scheint ernsthaft etwas unternehmen zu wollen. Er schlägt vor, von hier nach Genf zu reisen und sich an das Internationale Rote Kreuz, Oberhäupter neutraler Staaten und den Papst zu wenden, um weltweiten Protest kundzutun."
Der von diesem Treffen handelnde "Familienbrief" wiederholt Obiges und fügt folgendes hinzu: "Ich arrangierte ein Gespräch zwischen Tsamados, dem griechischen Chargé d'Affaires und Lepsius, da der Professor erfahren wollte, wie die Griechen behandelt wurden." Morgenthau war von diesem Treffen so beeindruckt, daß er noch am selben Tag ein chiffriertes Telegramm an Washington sandte, in dem er um Erlaubnis bat, Lepsius alle in der Botschaft vorhandenen, in Akten angelegten Informationen zur Verfügung stellen zu dürfen. Er schrieb:
"Der Doktor [Lepsius] schlug vor, die Angelegenheit vor das Internationale Rote Kreuz zu bringen, um zu versuchen, Deutschland dazu zu bewegen, auf ein Ende dieser Greueltaten zu dringen. Er verlangt ernsthaft Zugang zu den Informationen, die bei der Botschaft abgelegt sind. Werde sie ihm geben, wenn das Department keine Einwände erhebt."
Obwohl die Bitte um Zugang zu Informationen von Lepsius stammte, ist aus Morgenthaus Chiffre (http://dict.leo.org/se?lp=ende&p=/Ue0E.&search=Chiffre) doch eindeutig zu erkennen, daß er sie billigte.
Ihrem Treffen vorn 31. Juli folgend, lud Morgenthau Lepsius am 3. August zum Abendessen ein. Morgenthaus "Tagebucheintragung" für diesen Tag halt folgendes bezüglich ihrer Unterhaltung fest:
"Wir hatten eine lange und ausführliche Diskussion über armenische Angelegenheiten. Lepsius erzählte uns von seinen vorherigen Aktivitäten in dieser Sache... Lepsius denkt, daß momentan nur wenig getan werden kann, um die Deportationen zu stoppen; aber er will in die Schweiz, nach Genf, reisen, um das Internationale Rote Kreuz aufzurütteln. Ich sagte ihm, er solle mit Helferich sprechen, und erklärte ihm, daß dies das wirtschaftliche Aus für die Türkei bedeute, und daß die Deutschen nur noch 'leere Hülsen' vorfinden würden, wenn sie von ihr Besitz ergriffen. Ich schickte nach Schmavonian, und er gesellte sich zu uns, um nach dem Abendessen an der Diskussion teilzunehmen."
Am 6. August 1915 erhielt Morgenthau ein chiffriertes Telegramm vom Secretary of State in Washington Robert Lansing, das besagte: "Sie sind ermächtigt, Lepsius nach freiem Ermessen Zugang zu den Akten zu gewähren.
Am 11. August 1915 besuchte Lepsius Morgenthau dann erneut und informierte ihn darüber, daß er "erwartet hatte, an jenem Nachmittag ein Gespräch mit Enver zu führen, aber daß er wenig Hoffnung habe, etwas zu erreichen; daß die Behörden entschlossen zu sein schienen, ihren Plan auszuführen."
Am 14. August besucht Lepsius Morgenthau abermals. Das "Tagebuch" gibt folgenden Bericht über ihr Zusammentreffen:
"Lepsius sprach vor, und ich gab ihm einige Berichte zum Lesen und die Übersetzung eines arabischen Pamphlets. Er erzählte mir alles über sein Treffen mit Enver. [Er] war überrascht, wie offen Enver mit ihm über ihre Pläne sprach, die Armenier loszuwerden. Enver sagte ihm, daß dies ihre Chance sei und sie sie nutzen würden. Er sagte ihm das gleiche, was er schon mir mitgeteilt hatte."
Der "Familienbrief' vom 23. August 1915 enthält eine Passage, die den ersten Satz der "Tagebucheintragung" zu verstehen hilft, denn aus dem "Tagebuch" geht nicht eindeutig hervor, ob Morgenthau Lepsius lediglich einige Berichte durchsehen ließ ("Ich gab ihm einige Berichte zum Lesen"), oder ob er ihm tatsächlich Kopien der Berichte aus den Botschaftsakten gab. Der "Brief' zeigt, daß Lepsius tatsächlich Kopien des Materials erhielt:
"Dr. Lepsius sprach vor, und ich gab ihm einige der Berichte, die wir von verschiedenen unserer Konsule erhalten hatten, und auch die Übersetzung eines in Arabisch verfaßten Pamphlets."
Auch ohne Anführung obiger Passage würde ein einfacher Vergleich der im Lepsius Buch veröffentlichten Berichte mit den von seinen Konsuln und amerikanischen Missionaren an Morgenthau überreichten Berichten deutlich machen, daß Morgenthau bei Lepsius Arbeit eine Schlüsselposition einnahm. In Anbetracht der Tatsache, daß Lepsius während des Krieges nur einen Monat in der osmanischen Hauptstadt verweilte, und daß die Anzahl deutscher Missionare im Innern Anatoliens relativ klein war, ist es nicht sehr verwunderlich, daß ein Großteil seines Materials über die Deportationen aus den Quellen protestantischer amerikanischer Missionare stammte. Der Umstand, daß Morgenthaus "Ermessen" darin bestand, Lepsius offenen Zugang zu Unterlagen der Botschaft und Kopien ihres Inhalts zu gewähren, läßt vermuten, daß er bei der Unterweisung Lansings bis an die äußerste Grenze ging.
Noch interessanter ist die Tatsache, daß Morgenthau Lansings halbe Zusage bezüglich Lepsius' Fall offensichtlich so interpretierte, daß er sein "Ermessen" bei jeder sich bietenden Gelegenheit nutzen könnte. Und die boten sich. Nur knapp einen Monat, nachdem Morgenthau Lansings Chiffre erhalten hatte, erhielt er einen Brief von Lord Bryce, dessen Bekanntschaft er während einer Reise nach Palästina im Jahr 1914 gemacht hatte.
Bryce, der seinen Namen bereits für Wellington Houses propagandistischen Gebrauch von Geschichten über Greueltaten in dem Fall des Report of the Committee on Alleged German Outrages, oder dem "Bryce Report", wie es gemeinhin genannt wurde, hergegeben hatte, kommt nach Kommentierung der Berichte als "schockierende, an Armeniern begangenen Massakern" zum wahren Anlaß seines Briefes. Er fragt:
"Falls ein Bericht der über den asiatischen Teil der Türkei verstreuten Missionare ihre Botschaft erreichen sollte, der ein Licht auf die Situation werfen kann, würden Sie mir eventuell erlauben, diesen zu sehen? Ihre eigenen Konsularberichte werden wohl selbstverständlich nur an Ihre eigene Regierung gehen."
Falls Morgenthau sich um eine Erlaubnis in dieser Angelegenheit bemüht haben sollte, so bringt eine sorgfältige Untersuchung seiner Schriftstücke und der General Records des U.S. Department of State, wo sich wohl Kopien seiner Telegramme finden lassen sollten, diese nicht zum Vorschein. Selbst ein flüchtiger Vergleich der Dokumente aus Bryces The Treatment of Armenians in the Ottoman- Empire (1916) mit den erhaltenen Kopien der an Morgenthau übermittelten Berichte, macht den Umfang, in dem er als Quelle für Bryce diente, deutlich. Er kümmerte sich auch nicht um Bryces Mahnung (oder war es ein gegenteiliger Hinweis?), daß seine eigenen "Konsularberichte" selbst-verständlich nur an das State Department geschickt werden sollten. Denn nur einige Monate, nachdem sie vorlagen, wurden die Berichte des Amerikanischen Konsuls J.B. Jackson aus Aleppo, wenn auch anonym, in den Bryce-Band veröffentlicht.
Das dies kein Zufall war, d.h. daß die Briten an dieses Material nicht durch andere Quellen gelang waren, wird durch niemand anderen als Morgenthau selbst bestätigt, der in einem Schreiben an das Red Cross Magazine vom März 1919 folgendes über seine Rolle bei der Zustellung dieses Materials an Bryce aussagt:
"Damit die Fakten in genauer weise festgehalten werden, habe ich veranlaßt, daß Aussagen, die mir gegenüber von Augenzeugen über die Massaker gemacht wurden, sorgfältig aufbewahrt werden. Diese Aussagen beinhalten Berichte aller Arten von Flüchtlingen, christlichen Missionaren und anderen Zeugen... Ein Großteil des von mir gesammelten Materials ist schon in der exzellenten Sammlung dokumentarischen Materials, das von Lord Bryce zusammengetragen wurde, veröffentlicht worden."
Macht man sich einmal klar, daß dieses Material, daß das Rückgrat dessen formte, was eines der wirkungsvollsten Beispiele gegen die Türken gerichteter Kriegspropaganda war, von einem Botschafter der neutralen Vereinigten Staaten an den britischer Geheimdienst weitergeleitet wurde, wo es dann als Teil der britischen Bemühungen, die amerikanische öffentliche Meinung gegen die Türken und Deutschen aufzuhetzen, veröffentlicht wurde, mit dem Hintergedanken, Amerika in den Krieg zu verwickeln, kann man nicht umhin, sich über die Diskretion Morgenthaus zu wundern. Und der Bryce-Bericht war auch nicht der einzige britische Propagandaversuch, der sich des Morgenthau-Materials bediente. Arnold Toynbee wurde in einer Studie über britische Propaganda während des Ersten Weltkrieges als der "berühmte Historiker und Mitglied von Wellington House, der so etwas wie ein Spezialist in Sachen Greueltaten-Propaganda war, der die Türken in Armenian Atrocities: Murder of a Nation (London, 1915) und The Murderous Tyranny of the Turks (London, 1917) beschrieb und verurteilte," bezeichnet. Was nicht erwähnt wird, ist die Tatsache, daß viele dieser von Toynbee in seinem Werk von 1915 veröffentlichten Greueltaten-Geschichten von niemand anderem als Henry Morgenthau geliefert wurden.
Läßt man einmal die wichtigste Frage nach dem Wert des von Morgenthau zur Verfügung gestellten Materials beiseite, so ist doch eine Tatsache unbestreitbar, nämlich seine Schlüsselrolle bei der Entstehungsgeschichte aller Greueltaten-Bücher mit Bezug auf die Behandlung der Armenier durch die Türken, die während des Krieges entstanden. Durch seine Rolle als Kanal für Material, das dem deutschen Pastor Lepsius, den Engländern Lord Bryce und A. Toynbee u. a. zuflossen, war Henry Morgenthau bereits ein wichtiger Faktor in der Gestaltung der amerikanischen öffentlichen Meinung den Türken und Armeniern gegenüber geworden, lange bevor er dann 1917 an Präsident Wilson mit dem Projekt herantrat, das dann schließlich zu Ambassador Morgenthau's Story wurde.
Daß solch ein wichtiges Buch bis zu dieser Monographie noch nie Gegenstand irgendeiner veröffentlichten Studie gewesen ist, wäre in jedem anderen historischen Bereich unverständlich, mit Ausnahme dieses engen Unterbereichs, das als "Türkisch-Armenische Geschichte" bekannt ist, und wo allzu oft reine Emotionen als Ersatz für nüchterne Gelehrsamkeit dienen und Propaganda als Geschichte durchgeht.
Was ist schon über an dem armenischen "Völkermord" arbeitende Wissenschaftler zu sagen, die während der letzten Jahrzehnte in ihren Publikationen unaufhörlich die ausgesprochenen Lügen und Halbwahrheiten zitierten, die die Morgenthau "Geschichte" durchziehen, ohne jemals die himmelschreiendsten Widersprüche in Frage zu stellen? Und dies trotz der Tatsache, daß ihre Bibliographien angeben, daß sie die Morgenthau-Schriftstücke in den Kollektionen der Library of Congress, in denen auch sein "Tagebuch" erhalten, ist, verwendet haben.
Man kann nicht umhin, sich zu fragen, wieviele der jungen Armenier, die in den 1970ern und frühen 1980ern zu terroristischen Mördern türkischer Beamter (und Unbeteiligter) wurden, wohl von der Lektüre von Ambassador Morgenthau's Story beeinflußt worden sind. Wieviele von ihnen kamen wohl dazu, unschuldige Einzelpersonen, die zur Zeit des Ersten Weltkrieges noch nicht einmal geboren waren, als Freiwild terroristischer Anschläge zu betrachten, einfach aufgrund der Tatsache, daß sie ethnische Nachkommen von Talaat Bey waren, der (gemäß Morgenthau) sich damit brüstete, daß er "bezüglich des armenischen Problems in drei Monaten mehr erreicht habe als Abdul Hamid in dreißig Jahren."
Die Pflicht des Historikers ist, die Wahrheit zu finden, zu hegen und zu erhalten. Man sollte nicht durch die Verbreitung von Phantasien, die man dann als Tatsachen verkauft, und offensichtliche Lügen als Wahrheit, helfen, den Haß zu schüren. Henry Morgenthau, Sr. ist seit 44 Jahren tot. Es ist höchste Zeit, daß sein Buch ebenfalls zur Ruhe gebettet wird. Sein rechtmäßiges Vermächtnis liegt in seinem "Tagebuch", seinen "Familienbriefen" und in seinen telegraphischen Depeschen und Berichten, die er während seines 26monatigen Aufenthalts in der Türkei in Form von Briefen an das U.S. Department of State sandte. Sie, und nur sie allein, sind die wahre Ambassador Morgenthau's Story.
VI. Kapitel (ohne Fußnoten 123-143) aus
- Heath W. Lowry
- Die Hintergrundgeschichte zu Botschafter Morgenthaus Memoiren
- Istanbul 1991
- Seite 74-85
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ENDE!
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