karasevda75
14.04.06, 19:12
Sprache der Zukunft
Gelungene Integration nur an Deutschkenntnissen zu messen ist eine Absage an die kommunikative Einwanderungsgesellschaft / Von Gazi Caglar
Gazi Caglar ist Professor für Soziale Arbeit in Hildesheim; er arbeitet als Politik-, Geschichts- und Religionswissenschaftler. 1980 kam er nach dem Militärputsch aus der Türkei in die Bundesrepublik, in den 80er Jahren war er in der Türkei-Solidaritätsbewegung aktiv.
Caglar ist Autor zahlreicher Bücher, u. a. "Der Mythos vom Krieg der Zivilisationen. Eine Replik auf S. P. Huntingtons Kampf der Kulturen, Münster 2002" und "Staat und Zivilgesellschaft in der Türkei und im Osmanischen Reich", Frankfurt am Main / New York 2000.
Der hier dokumentierte Text erschien erstmals in der "AMFN-Zeitschrift" (Arbeitsgemeinschaft der Migranten und Flüchtlinge in Niedersachsen, www.amfn.de (http://www.amfn.de/)). rgg
http://www.fr-aktuell.de/no.gif
http://www.fr-aktuell.de/_img/_cnt/_online/040510_dok_caglar_teaser.jpg (http://www.fr-aktuell.de/ressorts/nachrichten_und_politik/dokumentation/?client=fr&cnt=434344&src=126766)http://www.fr-aktuell.de/_img/fr/lupe.gif Gazi Caglar (http://www.fr-aktuell.de/ressorts/nachrichten_und_politik/dokumentation/?client=fr&cnt=434344&src=126766)
In Zeiten knapper Kassen sind Deutschkurse und
muttersprachlicher Unterricht für Migranten gefährdet. Der Autor hält es für falsch, den Stand der Integration nur an Deutschkenntnissen zu messen. Die deutsche Sprache als abgeschlossene Nationalsprache sei eine Fiktion, gefragt sei eine sprachenreiche Einwanderungsgesellschaft.
Die deutsche Sprache ist wieder aktuell. Spätestens seit der Pisa-Untersuchung sind ganze Abteilungen und Referate in Ministerien und zahlreiche gesellschaftliche Institutionen mit der Frage beschäftigt, wie die Sprachmisere unter den Migrantenkindern aufzuheben ist. Die folgenden unorganisierten Gedanken sind nicht als grundsätzliche Kritik an den Bemühungen von engagierten Sprachpraktikern auszulegen, die Bedingungen für Deutschlernen zu verbessern. Generell bin ich der Ansicht, dass hier staatlicherseits eine auf die Bedürfnisse der Adressaten abgestimmte Förderung viel zu wenig erfolgt.
Die Bedeutung der "Sprache im Integrationsprozess" hat zwei Unbekannte: Integration und Sprache. Integration kann heute alles heißen. Als Generalmetapher ist sie verwaschen. Im Zentrum der öffentlichen Debatten über Sprache und Integration steht immer nur die deutsche Sprache. Die vorherrschende Denkweise unterstellt, dass das Erlernen der deutschen Sprache unbedingte Voraussetzung für Integration sei. Diese These wird von Politik, Wissenschaft und pädagogischer Praxis immer penetranter und in großem unheimlichen Einklang vorgetragen.
Dieser einmütige Konsens verdeckt jedoch die Einseitigkeit der Debatte zur Rolle der deutschen Sprache im Migrations- und Integrationsprozess. In ihr geht es nämlich nicht um Sprache überhaupt, sondern um die scheinbar eine deutsche Sprache. Und sie ignoriert die Bedeutung anderer migrantischer Sprachen in Deutschland. Es fällt beim ersten Blick auf den Programmablauf gegenwärtiger Sprachkonferenzen sofort auf, dass die Bedeutung und Rolle der mitgebrachten Sprachen im Migrationsprozess kaum auftauchen. Fast alle vorgesehenen Referate und Workshops behandeln ausschließlich Fragen des neuen, also deutschen Spracherwerbs, was legitim und notwendig ist, allerdings unter dem Titel "Sprache und Migration" zu kurz greift.
Einseitig ist aber auch, "die Abhängigkeit der Integration von Deutschkenntnissen zu betonen, die Abhängigkeit des Deutscherwerbs von Integrationserfahrungen aber zu verschweigen." Diesen Einseitigkeiten ist es anzulasten, dass immer wieder die migrantische Lernwilligkeit gefordert wird, während gesellschaftlich produzierte Barrieren unterbelichtet bleiben, die Folge ihrer Wohn-, Beschäftigungs- und Bildungssituation sind. Und nicht zuletzt versäumen öffentliche Appelle und Gesetzentwürfe die schlichte Forderung an Politik, die Angebote zum Deutscherwerb qualitativ und quantitativ so auszubauen, dass auch die Betroffenen davon etwas merken und diese gern in Anspruch nehmen. Bildung und Zwang, wie z. B. ein niedersächsischer Gesetzesentwurf zur "Förderung der Integration" vorsieht, vertragen sich nicht.
Haus des migrantischen Seins?
Die Sprache ist in der Tat von enormer Bedeutung: Heidegger nennt sie das "Haus des Seins". Ob aber die deutsche Sprache das Haus des migrantischen Seins ist, ist nicht nur vom Grad ihrer Sprachbeherrschung abhängig. Sprache und Gefühl haben eine innige Beziehung. Die migrantische Beziehung zur deutschen Sprache ist von zahlreichen Brüchen und Verletzungen traktiert, die von ihrer rechtlichen und gesellschaftlichen Diskriminierung herrühren. Das Erlernen der deutschen Sprache muss mit der Fülle ihrer sozialen Funktionen und ihrer konkreten Einbettung in das soziale Handeln zusammen gedacht werden. Die deutsche Sprache ist zwar das öffentliche Hauptmedium der Vermittlung gesellschaftlich konstruierter Wirklichkeit. In den migrantischen Lebenswelten hat sie aber diese exklusive Stellung nicht. Selbst ihre Herkunftssprachen haben hier keine exklusive Funktion. Vielmehr entstehen langsam aber sicher neue Variationen der Herkunftssprachen wie auch der deutschen Sprache.
Der Auto
Ich vermisse den Eifer, der bei den regelrechten, aber zumeist verbalen Sprachoffensiven zum Deutscherwerb gezeigt wird, auf anderen Gebieten der tatsächlichen Integration einer Gesellschaft. Die deutsche Sprache gerät so zu einem Sakrileg. Ihr Stellenwert als symbolisches Kommunikationssystem übersteigt den Wert des Menschen, an den sie herangetragen wird. In Einwanderungsgesellschaften entsteht daher ein unfruchtbarer polemischer Dialog zwischen den schönen Einheimischen und den hässlichen Heimatlosen, zwischen den Sprachmächtigen und den scheinbar Sprachlosen.
Das Pendeln zwischen der Muttersprache und der deutschen Sprache, das im Migrationsprozess teilweise den Charakter des Pendelns zwischen Privatem und Öffentlichen hat, gestaltet sich im Prinzip danach, was Hegel vom "unglücklichen Bewusstsein" einmal sagte: Dass ich mich selbst verliere, wenn ich die Welt außer mir finde, und dass ich die Welt verliere, wenn ich mich selbst im Inneren finde. Welt soll hier, recht übertreibend, aber harmlos meinend, die deutsche Sprache meinen. Hier haben wir es mit einem dialektischen Verhältnis zu tun. Legt man den staatlichen Auftrag zur Förderung des Spracherwerbs allzu einseitig auf die deutsche Sprache fest, produziert man unglückliches Bewusstsein, das sich über kurz oder lang rächen wird.
Sprachlose menschliche Maschinen
Die herrschende Sprachmisere steht in einem unauflöslichen Kausalzusammenhang mit der lebensfremden Phrase "Deutschland ist kein Einwanderungsland". Sie hat viel zu tun mit der kulturellen Fehlleistung der deutschen Verwandlung des Gastes in den Gastarbeiter als sprachlose menschliche Maschine. Der Gast ist eine mythische Gestalt aller Kulturen und Religionen, und Gastfreundschaft ist konstanter Teil aller kommunikativen sozialen Riten. Die ideologische Figur des Gastarbeiters, die sowohl den Gast herabwürdigt als auch den Arbeiter mystifiziert, verschleiert die Misere einer fein gegliederten industriellen Gesellschaft, die menschliche Handlanger der Maschine importiert, um primitive technische Vollzüge auszuführen.
Der Gastarbeiter als Verwandlung des Gastes zum menschlichen Werkzeug war in Deutschland lange Zeit ein seltsamer Fall von Gast, der möglichst nicht die deutsche Sprache erwerben sollte, um nicht ungewollte Wurzeln zu schlagen. Vielmehr diente und dient er immer wieder als nationaler Blitzableiter verdrängter sozialpsychischer Aggressionen. Wenn migrantisches Sein heute Sprachprobleme hat, dann ist das nicht nur eigenes Verschulden, sondern die Folge einer Politik, die es aus ideologischen und Kostengründen versäumt hat, die Werkzeuge als lebendige Menschen mit Sprachfähigkeit anzunehmen und umfassende Integrationsangebote bereitzustellen. Und das, obwohl rechtzeitig dazu ermahnt wurde.
Europa errichtet jetzt Mauern um sich herum und verspielt damit seine zentrale und attraktive Stellung im ungerechten Weltsystem, dessen periphere Unwirtlichkeit die Hauptursache für Migration und Flucht ist. Denn wer sich einkapselt, wird irgendwann einfältig. Er verliert den Kontakt zum Anderen, der allein bereichernd ist. In den Überlegungen der Europäischen Union zum Schutz der sprachlichen Vielfalt in Europa kommen Migrantensprachen kaum vor. Mauern sind anachronistische Abwehranlagen gegen außen, nicht gegen oben. Die migrantische Lage der Marginalisierung hat jedoch sehr viel mit oben und unten, mit politischen Machthierarchien und gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnissen zu tun. Insofern ist es kein Wunder, dass in der ersten Testphase des vorschulischen Sprachförderunterrichts in Niedersachsen herausgekommen ist, dass auch eine ganze Reihe "deutscher" Kinder nicht ausreichend Deutsch sprechen. Sprache hat nämlich viel mit Herrschaft, Macht, sozialem und kulturellem Kapital zu tun.
Gelungene Integration nur an Deutschkenntnissen zu messen ist eine Absage an die kommunikative Einwanderungsgesellschaft / Von Gazi Caglar
Gazi Caglar ist Professor für Soziale Arbeit in Hildesheim; er arbeitet als Politik-, Geschichts- und Religionswissenschaftler. 1980 kam er nach dem Militärputsch aus der Türkei in die Bundesrepublik, in den 80er Jahren war er in der Türkei-Solidaritätsbewegung aktiv.
Caglar ist Autor zahlreicher Bücher, u. a. "Der Mythos vom Krieg der Zivilisationen. Eine Replik auf S. P. Huntingtons Kampf der Kulturen, Münster 2002" und "Staat und Zivilgesellschaft in der Türkei und im Osmanischen Reich", Frankfurt am Main / New York 2000.
Der hier dokumentierte Text erschien erstmals in der "AMFN-Zeitschrift" (Arbeitsgemeinschaft der Migranten und Flüchtlinge in Niedersachsen, www.amfn.de (http://www.amfn.de/)). rgg
http://www.fr-aktuell.de/no.gif
http://www.fr-aktuell.de/_img/_cnt/_online/040510_dok_caglar_teaser.jpg (http://www.fr-aktuell.de/ressorts/nachrichten_und_politik/dokumentation/?client=fr&cnt=434344&src=126766)http://www.fr-aktuell.de/_img/fr/lupe.gif Gazi Caglar (http://www.fr-aktuell.de/ressorts/nachrichten_und_politik/dokumentation/?client=fr&cnt=434344&src=126766)
In Zeiten knapper Kassen sind Deutschkurse und
muttersprachlicher Unterricht für Migranten gefährdet. Der Autor hält es für falsch, den Stand der Integration nur an Deutschkenntnissen zu messen. Die deutsche Sprache als abgeschlossene Nationalsprache sei eine Fiktion, gefragt sei eine sprachenreiche Einwanderungsgesellschaft.
Die deutsche Sprache ist wieder aktuell. Spätestens seit der Pisa-Untersuchung sind ganze Abteilungen und Referate in Ministerien und zahlreiche gesellschaftliche Institutionen mit der Frage beschäftigt, wie die Sprachmisere unter den Migrantenkindern aufzuheben ist. Die folgenden unorganisierten Gedanken sind nicht als grundsätzliche Kritik an den Bemühungen von engagierten Sprachpraktikern auszulegen, die Bedingungen für Deutschlernen zu verbessern. Generell bin ich der Ansicht, dass hier staatlicherseits eine auf die Bedürfnisse der Adressaten abgestimmte Förderung viel zu wenig erfolgt.
Die Bedeutung der "Sprache im Integrationsprozess" hat zwei Unbekannte: Integration und Sprache. Integration kann heute alles heißen. Als Generalmetapher ist sie verwaschen. Im Zentrum der öffentlichen Debatten über Sprache und Integration steht immer nur die deutsche Sprache. Die vorherrschende Denkweise unterstellt, dass das Erlernen der deutschen Sprache unbedingte Voraussetzung für Integration sei. Diese These wird von Politik, Wissenschaft und pädagogischer Praxis immer penetranter und in großem unheimlichen Einklang vorgetragen.
Dieser einmütige Konsens verdeckt jedoch die Einseitigkeit der Debatte zur Rolle der deutschen Sprache im Migrations- und Integrationsprozess. In ihr geht es nämlich nicht um Sprache überhaupt, sondern um die scheinbar eine deutsche Sprache. Und sie ignoriert die Bedeutung anderer migrantischer Sprachen in Deutschland. Es fällt beim ersten Blick auf den Programmablauf gegenwärtiger Sprachkonferenzen sofort auf, dass die Bedeutung und Rolle der mitgebrachten Sprachen im Migrationsprozess kaum auftauchen. Fast alle vorgesehenen Referate und Workshops behandeln ausschließlich Fragen des neuen, also deutschen Spracherwerbs, was legitim und notwendig ist, allerdings unter dem Titel "Sprache und Migration" zu kurz greift.
Einseitig ist aber auch, "die Abhängigkeit der Integration von Deutschkenntnissen zu betonen, die Abhängigkeit des Deutscherwerbs von Integrationserfahrungen aber zu verschweigen." Diesen Einseitigkeiten ist es anzulasten, dass immer wieder die migrantische Lernwilligkeit gefordert wird, während gesellschaftlich produzierte Barrieren unterbelichtet bleiben, die Folge ihrer Wohn-, Beschäftigungs- und Bildungssituation sind. Und nicht zuletzt versäumen öffentliche Appelle und Gesetzentwürfe die schlichte Forderung an Politik, die Angebote zum Deutscherwerb qualitativ und quantitativ so auszubauen, dass auch die Betroffenen davon etwas merken und diese gern in Anspruch nehmen. Bildung und Zwang, wie z. B. ein niedersächsischer Gesetzesentwurf zur "Förderung der Integration" vorsieht, vertragen sich nicht.
Haus des migrantischen Seins?
Die Sprache ist in der Tat von enormer Bedeutung: Heidegger nennt sie das "Haus des Seins". Ob aber die deutsche Sprache das Haus des migrantischen Seins ist, ist nicht nur vom Grad ihrer Sprachbeherrschung abhängig. Sprache und Gefühl haben eine innige Beziehung. Die migrantische Beziehung zur deutschen Sprache ist von zahlreichen Brüchen und Verletzungen traktiert, die von ihrer rechtlichen und gesellschaftlichen Diskriminierung herrühren. Das Erlernen der deutschen Sprache muss mit der Fülle ihrer sozialen Funktionen und ihrer konkreten Einbettung in das soziale Handeln zusammen gedacht werden. Die deutsche Sprache ist zwar das öffentliche Hauptmedium der Vermittlung gesellschaftlich konstruierter Wirklichkeit. In den migrantischen Lebenswelten hat sie aber diese exklusive Stellung nicht. Selbst ihre Herkunftssprachen haben hier keine exklusive Funktion. Vielmehr entstehen langsam aber sicher neue Variationen der Herkunftssprachen wie auch der deutschen Sprache.
Der Auto
Ich vermisse den Eifer, der bei den regelrechten, aber zumeist verbalen Sprachoffensiven zum Deutscherwerb gezeigt wird, auf anderen Gebieten der tatsächlichen Integration einer Gesellschaft. Die deutsche Sprache gerät so zu einem Sakrileg. Ihr Stellenwert als symbolisches Kommunikationssystem übersteigt den Wert des Menschen, an den sie herangetragen wird. In Einwanderungsgesellschaften entsteht daher ein unfruchtbarer polemischer Dialog zwischen den schönen Einheimischen und den hässlichen Heimatlosen, zwischen den Sprachmächtigen und den scheinbar Sprachlosen.
Das Pendeln zwischen der Muttersprache und der deutschen Sprache, das im Migrationsprozess teilweise den Charakter des Pendelns zwischen Privatem und Öffentlichen hat, gestaltet sich im Prinzip danach, was Hegel vom "unglücklichen Bewusstsein" einmal sagte: Dass ich mich selbst verliere, wenn ich die Welt außer mir finde, und dass ich die Welt verliere, wenn ich mich selbst im Inneren finde. Welt soll hier, recht übertreibend, aber harmlos meinend, die deutsche Sprache meinen. Hier haben wir es mit einem dialektischen Verhältnis zu tun. Legt man den staatlichen Auftrag zur Förderung des Spracherwerbs allzu einseitig auf die deutsche Sprache fest, produziert man unglückliches Bewusstsein, das sich über kurz oder lang rächen wird.
Sprachlose menschliche Maschinen
Die herrschende Sprachmisere steht in einem unauflöslichen Kausalzusammenhang mit der lebensfremden Phrase "Deutschland ist kein Einwanderungsland". Sie hat viel zu tun mit der kulturellen Fehlleistung der deutschen Verwandlung des Gastes in den Gastarbeiter als sprachlose menschliche Maschine. Der Gast ist eine mythische Gestalt aller Kulturen und Religionen, und Gastfreundschaft ist konstanter Teil aller kommunikativen sozialen Riten. Die ideologische Figur des Gastarbeiters, die sowohl den Gast herabwürdigt als auch den Arbeiter mystifiziert, verschleiert die Misere einer fein gegliederten industriellen Gesellschaft, die menschliche Handlanger der Maschine importiert, um primitive technische Vollzüge auszuführen.
Der Gastarbeiter als Verwandlung des Gastes zum menschlichen Werkzeug war in Deutschland lange Zeit ein seltsamer Fall von Gast, der möglichst nicht die deutsche Sprache erwerben sollte, um nicht ungewollte Wurzeln zu schlagen. Vielmehr diente und dient er immer wieder als nationaler Blitzableiter verdrängter sozialpsychischer Aggressionen. Wenn migrantisches Sein heute Sprachprobleme hat, dann ist das nicht nur eigenes Verschulden, sondern die Folge einer Politik, die es aus ideologischen und Kostengründen versäumt hat, die Werkzeuge als lebendige Menschen mit Sprachfähigkeit anzunehmen und umfassende Integrationsangebote bereitzustellen. Und das, obwohl rechtzeitig dazu ermahnt wurde.
Europa errichtet jetzt Mauern um sich herum und verspielt damit seine zentrale und attraktive Stellung im ungerechten Weltsystem, dessen periphere Unwirtlichkeit die Hauptursache für Migration und Flucht ist. Denn wer sich einkapselt, wird irgendwann einfältig. Er verliert den Kontakt zum Anderen, der allein bereichernd ist. In den Überlegungen der Europäischen Union zum Schutz der sprachlichen Vielfalt in Europa kommen Migrantensprachen kaum vor. Mauern sind anachronistische Abwehranlagen gegen außen, nicht gegen oben. Die migrantische Lage der Marginalisierung hat jedoch sehr viel mit oben und unten, mit politischen Machthierarchien und gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnissen zu tun. Insofern ist es kein Wunder, dass in der ersten Testphase des vorschulischen Sprachförderunterrichts in Niedersachsen herausgekommen ist, dass auch eine ganze Reihe "deutscher" Kinder nicht ausreichend Deutsch sprechen. Sprache hat nämlich viel mit Herrschaft, Macht, sozialem und kulturellem Kapital zu tun.