Mehrere Länder Südosteuropas kämpfen mit ernsten Engpässen bei der Elektrizitätsversorgung. Grund ist die Abschaltung zweier Reaktorblöcke im bulgarischen Kozloduy. Die Krise gefährdet das soeben angesprungene Wirtschaftswachstum der Region.
ATHEN. Am schlimmsten trifft es Albanien, das ärmste Land Südosteuropas. Sechs Prozent Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts (BIP) prognostiziert die Regierung in Tirana für dieses Jahr. Doch ob dieses Ziel erreicht werden kann, ist fraglich. Denn das Land befindet sich in der schwersten Energiekrise seit dem Ende der stalinistischen Diktatur vor 16 Jahren. Die Hauptstadt Tirana ist seit Anfang Januar täglich rund fünf Stunden ohne Strom, die anderen albanischen Städte sieben Stunden, ländliche Gebiete sogar 15 Stunden pro Tag. Rund 90 Prozent der albanischen Elektrizitätsproduktion entfallen auf Wasserkraftwerke. Doch nach einem regenarmen Herbst sind die meisten Stauseen leer. „Wir erleben die schlimmste Dürre seit 1953“, sagt Andi Beli, Generaldirektor der staatlichen Elektrizitätswerke Kesh. Die Stromnachfrage liegt bei rund 20 Mill. Kilowattstunden (kWh) pro Tag, aber die Kesh kann zurzeit nur etwa halb so viel produzieren.
Hilfe suchend eilten vergangene Woche der albanische Wirtschafts- und Energieminister Genc Ruli und Kesh-Chef Beli ins benachbarte Athen. Griechenlands Entwicklungsminister Dimitris Sioufas versprach, kurzfristig mit Stromlieferungen auszuhelfen. „Wir hoffen, neun Mill. kWh täglich importieren zu können“, sagt Beli. Wie die albanischen Elektrizitätswerke dafür bezahlen wollen, ist allerdings unklar. Nach jüngsten Schätzungen wird die Kesh für Stromimporte dieses Jahr rund 170 Mill. Euro aufwenden müssen. Das entsprächen 80 Prozent der Einnahmen der Elektrizitätsgesellschaft oder 2,4 Prozent des BIP. „Ohne staatliche Hilfe wird das nicht gehen“, sagt Kesh-Chef Beli. „Im Vergleich zu 2005 haben sich die Strompreise von 38 Euro pro Megawattstunde auf 80 Euro mehr als verdoppelt“, rechnet er vor.
Der Grund für die Tarifexplosion ist nicht nur in den höheren Öl- und Gaspreisen zu suchen, sondern auch in dem seit Anfang 2007 drastisch verknappten Angebot. Das hat inzwischen auch in Mazedonien, Montenegro, Serbien, Rumänien und im Kosovo zu Engpässen und Stromabschaltungen geführt. Lesen Sie weiter auf Seite 2: Eine rasche Entspannung der Versorgungslage ist nicht in Sicht.
Die Ursache liegt in Bulgarien. Das Land war bis Ende 2006 größter Stromlieferant der Region und deckte rund 80 Prozent der Elektrizitätsdefizite seiner Nachbarn ab. Produziert wurde der Strom im Atomkraftwerk Kozloduy an der Donau. Das mit Sowjet-Technologie gebaute Kraftwerk hatte ursprünglich sechs Blöcke. Die beiden ältesten aus dem Jahr 1970 wurden auf Druck der EU wegen befürchteter Störfälle bereits 2003 stillgelegt. Block 3 und 4 mussten Ende 2006 abgeschaltet werden – eine Bedingung für die Aufnahme in die Europäische Union. Damit verlor Bulgarien zum Jahreswechsel eine Kapazität von 880 Megawatt (MW).
Das wirkt sich vor allem auf die Exporte aus. Bulgariens Wirtschafts- und Energieminister Roumen Ovcharov veranschlagt, dass sein Land, das im vergangenen Jahr noch 7,6 Mrd. kWh in die Nachbarländer exportierte, 2007 nur 1,5 Mrd. liefern kann – schlechte Nachrichten für die Balkanländer, die nicht annähernd genug Strom für den eigenen Bedarf produzieren und sich jahrelang auf die Lieferungen aus Bulgarien verließen. „Durch die Schließung in Kozloduy verlieren Albanien, Mazedonien, Montenegro und Kosovo rund 40 Prozent ihrer Stromversorgung“, schätzt der Branchendienst „Platts“.
Eine rasche Entspannung der Versorgungslage ist nicht in Sicht. Zwar plant Bulgarien den Bau eines 1 000-MW-Atomkraftwerks; an dem Projekt unter Führung der russischen Atomstroyexport ist auch Siemens beteiligt. Doch die beiden geplanten Reaktorblöcke werden frühestens 2013 ans Netz gehen. Energieminister Ovcharov, selbst ein Nuklearingenieur, will deshalb die EU beim Treffen der Energieminister kommenden Monat drängen, die Abschaltung der beiden Kozloduy-Blöcke und die „tragischen Konsequenzen für die Region“ noch einmal zu überdenken. „Die Blöcke 3 und 4 sind in den vergangenen Jahren modernisiert worden“, sagt Ovcharov. „Sie können deshalb nach meiner Meinung sicher betrieben werden.“
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